Die Spaßmannschaft bei der DVM U20 in Rotenburg

Nachdem die Geschenke ausgepackt und die letzten Plätzchen schnabuliert waren, endeten die besinnlichen Weihnachtstage für eine kleine Auswahl der Spaßmannschaft vorzeitig: Am zweiten Weihnachtstag ging es nach Rotenburg (Wümme), wo die deutsche Vereinsmeisterschaft in der Altersklasse u20 ausgekämpft werden sollte. Mit mir auf den Weg gemacht haben sich Eryk, Ruben, Hanno und Benjamin.

Vorbereitung im Zug

Angekommen in Rotenburg wartete bereits ein Shuttle, der das Gepäck zur abgelegenen Jugendherberge transportierte, während uns der Fußbus durch einen schönen Wald fuhr. In der hervorragenden Jugendherberge (mit Essen in Bio-Qualität!) wurde der Kader durch Justus vervollständigt, der sich erfolgreich für ein Probeturnier in der Spaßmannschaft beworben hatte.

Mit noch ein wenig restlicher Weihnachtsstimmung begannen wir erstmal eine Schnitzeljagd auf der Suche nach weiteren Präsenten. Als erstes Hindernis musste ein eingefrorener Bach erkundet und anschließend überquert werden. Während diese Hürde noch mit Bravour gemeistert wurde, wird gemunkelt, dass der Bach die nächsten Tage noch zwei nasse Füße verursacht hat.

Die Suche nach der Abkürzung

Nach kurzem Spaziergang wurde die Schatztruhe pünktlich zum Sonnenuntergang bei den letzten Minuten Tageslicht erreicht. Trotz gründlicher Untersuchung konnten wir keine Juwelen finden. Ein offenes Mysterium bleibt jedoch, ob die später aufgefundene Wildkamera unsere Ermittlungen beobachtet hat.

Was ist in der Schatztruhe?  

Aber nun zum schachlichen. Mit einer Durchschnitts-DWZ von 2015 starteten wir an Rang acht von 16, wobei das Spielen an sechs Brettern herausfordernde Duelle versprach.

Mannschaftsbild, Foto: Henning Holinka

Das merkten wir bereits in der ersten Runde gegen die letztgesetzten SF Göppingen. Anfangs verlief der Mannschaftskampf nach unseren Vorstellungen, so standen wir an zeitweise fünf Brettern klar auf Gewinn. Doch die Ereignisse nahmen einen anderen Lauf. Zunächst schlug Eryk ein Remisangebot aus, bevor der unaufhaltsame Königsangriff Fahrt aufnahm. Hanno hat sich in seinem geliebten Dubov-Italiener ein vorteilhaftes Endspiel erarbeiten können, verlor jedoch durch eine taktische Finesse seinen Springer und damit die Partie. Ähnlich verlief es bei Ruben, der mit Mehrqualität auf einem guten Weg war, wobei in Zeitnot der König unter die Räder geriet. Justus und ich konnten unsere Vorteile derweil in einen vollen Punkt ummünzen, sodass es an Benjamin lag, uns in ein Unentschieden zu retten. Leider konnte sein Gegner im Turmendspiel die nötige Aktivität erreichen, die Partie endete in einer Zugwiederholung und die erste Runde ging 2,5-3,5 verloren.

Noch von diesem Rückschlag getroffen ging es in der zweiten Runde in das Nordduell gegen Kiel, das wir trotz der Startniederlage als Underdog antraten.

Nordderby in Runde 2 gegen Kiel, Foto: Magnus Arndt

Justus lief in einer scharfen Najdorf-Variante in die Vorbereitung seines Gegners und endete mit Minusqualität, die nicht mehr auszugleichen war. Benjamin vertauschte in der Eröffnung eine Zugreihenfolge, wodurch er schnell mit dem Rücken zur Wand stand, 0-2. Gegen Magnus Ermitsch habe ich nach der Eröffnung wenig Licht gesehen und die Waffen bald gestreckt. Eryk konnte gegen seinen nominell stärkeren Gegner lange mithalten, doch bei dem Übergang ins Endspiel ging ein Bauer verschwunden und damit auch die Partie. An Brett 4 konnte Ruben lange Druck ausüben, doch am Ende hat es trotzdem nur für einen halben Punkt gereicht. Einzig bei Hanno ist der Königsangriff durchgeschlagen, sodass wir mit 1,5-4,5 auch die zweite Niederlage heimsuchte.

Vor dem ersten Abend war die Stimmung von den beiden Auftaktniederlagen sehr gedrückt, bis die Identität der Mannschaft durch das Spaßhaben wiedergefunden wurde. Durch ausgelassene Tischkicker-Duelle und Mogel Motte-Runden waren wir bestens vorbereitet auf das Kellerduell gegen die Karlsruher SF in der dritten Runde. In der Eröffnung spielten sich Justus und Hanno einen Vorteil heraus, den sie zu verwerten wussten. Von großem Unglück geprägt war Ruben, der sich nach einer turbulenten Eröffnung in ein Endspiel mit Extraturm manövrieren konnte, wo der König im Gegenzug unter Beschuss kam. Kurz bevor die Gefahr schlussendlich gebannt war, unterlief ihm allerdings ein Aussetzer, der die Dame und kurz darauf den König kostete. Auch Eryk wurde zunehmend unter Druck gesetzt, dem er irgendwann nicht mehr standhalten konnte. Am ersten Brett landete meine Vorbereitung auf dem Brett, wobei ich nach kleinen Ungenauigkeiten in ein Turmendspiel abwickeln musste. Da ich mich schließlich bei den Bauernzügen verzählte, landete ich noch in einem Damenendspiel mit Minusbauern, welches ich aber verteidigen konnte. Überzeugend spielte Benjamin die Partie von Anfang an, bis er sein Endspiel verwerten konnte und damit die ersten beiden Mannschaftspunkte sichern.

 

Trotz dem ersten Erfolgserlebnis hat unser Team nach der dritten Runde den größten Verlust erlitten, weil Ruben krankheitsbedingt abreisen musste. Da es uns auch nicht erlaubt wurde, ein neues Brett sechs nachzumelden, blieb es ab sofort frei.

Entsprechend geschwächt starteten wir die nächste Runde gegen Bad Homburg mit einem Punkt Rückstand. Nun ein Brett weiter aufgerückt hatten Hanno und Benjamin es mit Rivalen zu tun, die stark aufspielten und wenig Chancen zu Gegenschlägen boten. Bei Eryk hat sich früh ein taktisches Gefecht entwickelt, welches in Zeitnot durch ein Dauerschach beendet wurde. Nach einer überzeugenden Eröffnung konnte Justus im Endspiel keinen Weg finden die Partie zu verwerten, sodass auch sie im Remis endete. Zuletzt konnte ich in einer sehr turbulenten Partie mit vielen Schwankungen meinen Gegner nach 5,5 Stunden durch einen billigen Hütchentrick wenig ruhmvoll bezwingen, insgesamt ging der Kampf damit 2-4 verloren.

Nachbereitung am Tischkicker

Mit lediglich zwei Mannschaftspunkten aus vier Spielen und einem Aufgebot von nur fünf Spielern sah der Tabellenstand nach zwei Tagen nicht ganz so aus, wie wir es uns vorher erhofft hatten. Dennoch war die Teamatmosphäre durch weitere Bachüberquerungen, Motivationsworte von Ruben und gemogelte Motten gut genug, dass der „Hellenbroichsche Kampfdöner“ nicht aufgesucht werden musste.

Unsere positive Stimmung musste in Runde fünf auch der SK Tarrasch aus München erfahren. Eryk hat eine verrückte Variante gegen den Drachen-Sizilianer vorbereitet, wobei Schwarz allen Tricks entweichen konnte und die Partie somit schnell und friedlich endete. In einer typischen Hanno-Stellung mit purem Chaos auf allen Flanken ist meist die Computerbewertung egal, Herr Hellenbroich findet immer den letzten Trick. Justus wurde früh von Bauern angestürmt, konnte nach einem Damentausch allerdings souverän die Schwächen in der gegnerischen Stellung ausnutzen und das Endspiel gewinnen. Mein Gegner am ersten Brett hat sich in einer ruhigen Eröffnung früh unter Druck gesetzt gefühlt und übersah einen taktischen Kniff, der mir schnell die Oberhand und schlussendlich den Sieg bescherte. Als letztes schaffte es auch noch Benjamin, in ein Endspiel abzuwickeln, das ihm den halben Punkt und uns einen 4-2 Sieg sicherte.

Der ersten Sieg in Runde sechs ging an unsere Gegner aus Mainz, indem sie durch das Auslassen ihres ersten Spielers all unsere Vorbereitungen ins Leere laufen ließen. Noch davon irritiert übersah Eryk in seinem Königsangriff eine versteckte Verteidigungsmöglichkeit, durch die Angriff und Partie im Sande verliefen. Von den Änderungen wenig beeindruckt startete Hanno diese Runde seinen verwurschtelten Figuren-Tsunami mit dem Königsinder. Die Brandstufe noch höher gewählt als in der Vormittagsrunde, konnte außer ihm niemand den Überblick behalten, auch nicht sein Gegner. Justus konnte seine Partie erneut souverän gewinnen, ohne von dem fragwürdigen Angriff, mit dem er konfrontiert wurde, eingeschüchtert zu werden. Noch von dem Spielerwechsel verunsichert, kopierte ich die Eröffnung zunächst ohne eigene Ideen von dem Nachbarbrett, was zu einer ereignislosen Partie führte. Davon eingeschläfert unterlief meinem Gegner im ungleichfarbigen Läuferendspiel dann doch noch eine Ungenauigkeit, die ich ausnutzen konnte. Sehr dankbar von der Nachricht, dass ihm dadurch ein Remis zum Mannschaftssieg reicht, war dann Benjamin. Trotz Mehrfigur gab es nach 25 Schachzügen und einem Königstanz über das gesamte Brett kein Entkommen. Durch das Remis folgte mit 3,5-2,5 der zweite Sieg in Folge.

 

Mit sechs Mannschaftspunkten ging es in der letzten Runde gegen Plauen. Das Duell begann bereits am Vorabend, als unsere abendliche Mogel-Motte-Runde von einem Klopfen an der Tür mit der höflichen Anfrage mitzuspielen unterbrochen wurde. Der sächsische Dialekt blieb dabei nicht lange unentdeckt, es handelte sich bei dem Mitspieler um einen Spion Plauens. Immerhin schwand so jegliche Sorge vor schachlicher Vorbereitung der Gegner.

Runde 7 gegen Plauen, Foto: Magnus Arndt

Nächsten Morgen war am Brett von dieser Freundlichkeit nichts mehr zu spüren. Nach bisher vielen unglücklichen Partien versuchte Eryk es nun mit dem hoch gepredigten Sc6 im ersten Zug, doch auch das sollte keine Früchte tragen. Hannos vorbereitetes Massaker wurde früh durch einen Damentausch verhindert. Das vorteilhafte Endspiel war anschließend zu übersichtlich, sodass ein Remis unausweichlich war. Inspiriert von den vorherigen Tagen hat Justus nach intensiver Vorbereitung sein Debüt im Dubov-Italiener gefeiert. Auch wenn die Umstellung von den ruhigen Justus-Stellungen zu den wilden Hanno-Stellungen nicht einfach fiel, landete der Punkt im Bauernendspiel schließlich bei uns. Ich fand in meiner Partie ein vernichtendes Turmopfer, durch welches beim Stand von 2,5-2,5 alle Augen auf Benjamins Brett gerichtet waren. Während im Endspiel die Minuten verstrichen und der Vorteil langsam auf Benjamins Seite kippte, wurden wir uns immer siegessicherer. Der Spion am Vorabend erzählte uns, dass die Rückfahrt nach Sachsen mit dem Zug beschwerlich ist und die Abreise bereits relativ früh erfolgen muss. Um den Zug noch zu erreichen, wurde schließlich auf dem Brett ein schnelles Ende zu unseren Gunsten forciert. Wir gewannen das letzte Match mit 3,5-2,5.

 

Unseren Siegeszug der letzten Runden haben wir auf dem Abschlussspaziergang zum Bahnhof gefeiert, bis wir uns in die vollen Züge der Bahn quetschen mussten und fast pünktlich in Lübeck angekommen sind.

Glückliche Lübecker auf dem Heimweg

Insgesamt ist das Turnier nach einem schwierigen Start sehr erfreulich verlaufen. Obwohl wir die meisten Runden in Unterzahl angetreten sind, konnte der Setzlistenplatz 8 verteidigt werden. Insbesondere Hanno hat dabei über seinen Erwartungen gespielt und darf sich über einen Elo-Zuwachs von 42 Punkten freuen. Aber auch abseits der zahlreichen Erfolge am Brett hat die DVM allen Mitfahrenden eine Menge an schönen Erfahrungen beschwert.

Abschließend möchte ich mich noch bei Nicole und Philipp für die Organisation, bei Benjamin als spielendem Mannschaftsbetreuer und bei der Michael-Haukohl-Stiftung für die finanzielle Unterstützung bedanken.

Endstand via DSJ

Views: 271

2 Gedanken zu „Die Spaßmannschaft bei der DVM U20 in Rotenburg“
  1. Ganz toller Beitrag, man fühlt sich förmlich „hineingezogen“.
    Und großes Kompliment an die „Spaßmannschaft“, die trotz des Handicaps so tapfer gekämpft hat.
    Michael

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert