Nach dem Lichtenberger Sommer im August und der Seniorenländermeisterschaft im September entschloss ich mich zu einer dritten Turnierteilnahme innerhalb von zwei Monaten. Das Münsterland-Open besteht aus zwei Gruppen, parallel wird noch ein sogenanntes Challenger-Turnier gespielt.
Vorbericht
Die Anreise mit dem Auto gestaltete sich etwas zäh – fast fünf Stunden für knapp 400 Kilometer, dafür waren die Rastplätze hoffnungslos überfüllt. Normalerweise fahre ich mit dem Auto auf der A1 maximal bis zum Horner Kreisel, und jetzt weiß ich auch wieder, warum…
Auf meiner Fahrt kam ich an einem Ort mit dem Namen „Wallenhorst“ vorbei. Das weckte Erinnerungen an ein 24-Stunden-Blitzturnier in Dortmund Anfang der 90er Jahre, an dem diverse Lübecker teilgenommen haben. Meine Mannschaft bestand aus Kai Tawakol, Marc Michaelis und mir, der eine oder andere LSVer wird sich an die beiden erinnern. Als wir damals an der Ausfahrt mit dem bereits erwähnten Namen vorbeikamen, erklärte mir Kai, dass er einen Freund hat, der in der Wallenhorster Straße in Wallenhorst wohnt und der genau wie sein Vater und sein Großvater Horst Wallenhorst heißt. Damals habe ich ihm geglaubt, aber mit dem Abstand von 35 Jahren bin ich inzwischen der Ansicht, dass er nach 24 Stunden ununterbrochenen Schachspielens nicht mehr ganz Herr seiner Sinne war. Hier noch ein Bild des Autos, mit dem wir das Abenteuer damals bestritten haben:

Runde 1
Vor der Runde gab der Turnierleiter Finn Petersen einige Details der Turnierbestimmungen bekannt. Man kann in den ersten sechs Runden ein sogenanntes Bye nehmen, also einen kampflosen halben Punkt, eine Remisvereinbarung vor dem 30ten Zug ist unzulässig (sogenannte Sofia-Regel), es wird nach dem beschleunigten Schweizer System und speziell nach der Baku-Methode gepaart. Das führte dazu, dass ich am dritten Brett spielen durfte bzw. musste, obwohl ich an 25 gesetzt bin und damit der oberen Hälfte angehöre. Mein Gegner war IM Jasper Holtel, der für Doppelbauer Kiel spielt und vor einer Woche in Lübeck zu Gast war. Ich stand während der gesamten Partie immer etwas schlechter, war aber nach meinem Dafürhalten nicht weit vom Ausgleich entfernt, bis ich dann im Endspiel einen Fehler beging, nach dem die Partie sofort verloren war.
In der zweiten Runde geht es gegen einen jungen Schachfreund aus Japan, der vor drei Jahren Stadtmeister von Tokio war, wobei „Stadtmeister“ vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck ist in Anbetracht der Einwohnerzahl der Hauptstadt Japans.
Runde 2
Es gibt manchmal Partien, bei denen es von Anfang an nicht läuft und bei denen der Gegner dann auch noch deutlich stärker spielt als seine Wertungszahl. Unabhängig davon war meine Partie in der zweiten Runde eine, die man besser schnell wieder vergisst.
Runde 3
In der dritten Runde habe ich die alte russische Schachweisheit (nach zwei Niederlagen unbedingt ein Remis folgen lassen!) beherzigt und ein „bye“ genommen, also einen kampflosen halben Punkt. In der vierten Runde kann es nur besser werden!
Runde 4
Über die heutige Partie sollte man besser den sprichwörtlichen Mantel des Schweigens hüllen – ein knappes Remis gegen ein türkisches Nachwuchstalent. Deshalb lieber ein paar Worte über das Turnier: Seit gestern Nachmittag ist auch das Challengers am Start, d.h. der Turniersaal ist fast gefüllt. Die Turnierorganisation läuft wie am Schnürchen, alle Paarungen und Ergebnisse stehen zeitnah zur Verfügung. Das Catering besteht wie früher aus Weizenbrötchen mit Käse oder Salami, Frikadellen und jeder Menge Süßigkeiten, was etwas aus der Zeit gefallen wirkt – heutzutage gibt es eher Äpfel und Bananen. Dafür gibt es wie früher Bier, das allerdings im Unterschied zu früher nicht im Spielsaal getrunken werden darf. Rechts und links von mir spielten etliche Jugendliche, die nach meinem Eindruck sehr pragmatisch an die Partien herangehen, anstelle langfristiger strategischer Pläne dominieren kurze taktisch motivierte Zugfolgen.
Ansonsten war die Problematik der Hörgeräte Gesprächsthema, da gibt es voraussichtlich Änderungen seitens der FIDE: https://www.schachbund.de/news/anti-cheating-und-der-kampf-um-die-hoergeraete.html Man darf gespannt sein, wie lange sich die Landesverbände sträuben, die neuen Regeln in ihren Turnieren umzusetzen. Bei der Änderung der Blitzbedenkzeit (3+2 statt 5+0) waren das mehrere Jahre…
Runde 5

Heute war ich bei Kaufland, einem riesigen Supermarkt mit einigen angegliederten Geschäften wie einem Schuhmacher, einer Wäscherei, einem Bäcker, einem Imbiss und einem Reisebüro, in dem gleich zwei Mitarbeiter vergeblich auf Kunden warteten. Das Sortiment des Supermarktes erinnerte an die Kette Real, die sich dadurch auszeichnete, dass es dort alles gab und dass die Preise einigermaßen happig waren. Neben einigen Lebensmitteln erwarb ich dort die oben abgebildeten Kugelschreiber. Obwohl ich überhaupt nicht abergläubisch bin, habe ich den linken Kugelschreiber anstelle des bisher verwendeten zur Partie mitgenommen, weil ich den – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr finden konnte. Dadurch habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Schachpartie in roter Farbe notiert. Da mir der Schiedsrichter bestätigt hat, dass das zulässig ist, werde ich das morgen wieder tun und hoffe, dass ich in diesem Turnier den grünen Kugelschreiber nicht benötigen werde.
Mein Gegner dachte über seinen 11ten Zug 40 Minuten nach und bestätigte dann die Regel von John Nunn, dass nach langem Nachdenken in den seltensten Fällen ein guter Zug herauskommt. Er tat mir dann den Gefallen und gab nach dem 19ten Zug auf, obwohl er eigentlich nur einen Bauern weniger hatte. Wir haben uns anschließend noch lange unterhalten, unter anderem über die Vorzüge der diversen Seniorenturniere und die FIDE-Wahlen – das erste Thema war das deutlich angenehmere.
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