Alle Jahre wieder: Eine Norddeutsche Vereinsmeisterschaft in Magdeburg. Wie bereits im letzten Jahr qualifizierte sich die eingespielte Truppe aus Henning, Niilo, Finn, Samuel und Alfred für das Turnier in der U12. Nach dem 8. Platz im Vorjahr reiste die Mannschaft als älterer Jahrgang durchaus mit Ambitionen auf vordere Platzierungen an. Letztes Jahr waren den fünf Spielern schon die Vorzüge einer geräumigen Ferienwohnung gegenüber der bei Lübeckern eher negativ konnotierten Jugendherberge in Magdeburg klar geworden, daher wurde sich dieser Luxus natürlich auf für dieses Jahr gewünscht. Da die Jugendherberge wieder stark überfüllt war, konnten wir diesen Wunsch auch erfüllen. Mit den Autos von mir und Vater Johann traten wir die Reise zum Spielort an. Eigentlich planten wir als Konvoy zu fahren, doch dieses Unterfangen scheiterte bereits bei der Ausfahrt vom Schachverein, wo wir direkt verschiedene Richtungen einschlugen und ich zu spät begriff, dass das Auto die von mir ausgewählte Route über Ludwigslust in meiner Abwesenheit eigenmächtig zu der Route über Hamburg umgestellt hatte. Trotz dessen kamen beide Autos fast zeitgleich in der Stadt an, dessen Schönheit laut Matthias Fenski einem Flughafen gleicht. Trotz der vielen Baustellen kommt Magdeburg hier jedoch nicht ansatzweise an Neumünster heran.

Nach der Anmeldung wurde der ca. 10 minütige Weg zur Ferienwohnung eingeschlagen. Abgesehen davon, dass das Haus von einer Baustelle umgeben war, bot die Wohnung mit vier Schlafzimmern und einem geräumigen Wohnzimmer mit Kochecke einen angenehmen Komfort. Zudem waren in unmittelbarer Nähe zwei Einkaufsmärkte. Die Stimmung war ausgelassen und es sah nach einem entspannten Abend aus, doch meine Tollpatschigkeit brachte dann doch noch etwas Spannung in den Abend: Als ich mich mit dem Auto zur Betreuersitzung in der Jugendherberge begeben wollte, musste ich feststellen, dass sich direkt neben mein Auto in die ohnehin schon enge Parklücke ein größerer Transportwagen gequetscht hatte. Mit ausgeklappten Spiegeln von meinem Auto hatte ich auf der Fahrerseite höchstens 5 cm Platz. Ich kletterte also über den Beifahrersitz auf den Fahrersitz und versuchte mich an einem unfallfreien Ausparkvorgang. Bei dem Versuch mein Auto gerade zu stellen fuhr ich vorne über eine Stufe und landete mit den Vorderreifen prompt in einer Kiesgrube aus der ich nun nicht mehr rauskam. Nach einer kurzen Inspektion lieh mir Johann netterweise sein Auto, damit ich der Betreuersitzung beiwohnen konnte. Im Anschluss versuchte Johann selbst sein Glück aus der Grube zu fahren – leider ebenfalls ohne Erfolg, da die Räder vorne durchdrehten. Nach einigen Experimenten hatte er schließlich den Einfall, das Auto mittels eines Wagenhebers anzuheben und unter die Vorderreifen mit Pflastersteinen von der nahegelegenen Baustelle zu legen und somit die Reifen künstlich auf einen höheren Untergrund zu stellen.

Mit einer Mischung aus Glück und Können schaffte es Johann tatsächlich den Wagen unbeschadet aus der Grube zu befreien und ermöglichte mir damit einen geruhsamen Schlaf.

Ein kleiner Wermutstropfen der externen Unterkunft war, dass jeweils eine Runde vor Rundenbeginn die Aufstellung für die jeweilige Runde in der Jugendherberge abgegeben werden musste. Für uns bedeutete das, spätestens um 8 Uhr vor Ort zu sein. Dementsprechend musste ich bereits um 6:30 die Mannschaft aus den Betten klingeln. Pünktlich um 7:59 gab ich kein bisschen aus der Puste die Aufstellung für die erste Runde ab, während die Kinder bereits das Spiellokal im Propsteipfarrhaus inspizierten. Das Turnier konnte beginnen. Ein Blick auf die Setzliste  zeigte ein sehr eng besetztes Teilnehmerfeld, in welchem wir uns auf dem 8. Platz befanden. Zwischen Platz 6 und Platz 14 waren jedoch kaum mehr als 70 Punkte Unterschied. Die Setzliste bestätigte zudem, dass die Lübecker mit ihren sehr ausgeglichenen DWZ-Zahlen gegen die meisten Mannschaften an den hinteren beiden Brettern favorisiert waren, während den ersten beiden Brettern ein schweres Turnier bevorstand. Wir spielten in der Aufstellung Henning, Niilo, Finn, Samuel und Alfred.

Henning
Niilo
Finn
Samuel
Alfredo

Wir planten jedoch, dass jeder Spieler mindestens einmal aussetzen wird, damit jeder regelmäßig für die Mannschaft spielen kann. Die erste Runde brachte direkt das SH-Duell gegen Landesmeister Doppelbauer Kiel. Eigentlich ein ebenbürtiger Kampf, allerdings traten die Kieler ohne ihr Spitzenbrett Oscar an, wodurch wir favorisiert waren.

Entsprechend der Strategie machten Niilo und Finn an den ersten beiden Brettern recht schnell ein Remis mit ihren Gegnern aus und überließen es Samuel und Alfred ihre DWZ-Vorteile auszuspielen. Der Plan ging auf und der Kampf endete 3-1 für uns. Bereits die Nachmittagsrunde brachte mit dem Drittgesetzten SC Kreuzberg aus Berlin, den U10-Vizevereinsmeister und somit einen harten Brocken. Samuel verzettelte sich leider ein wenig in seinem eigenen Gambit und vertauschte die Züge, was sein Gegner gnadenlos ausnutze. Niilo schnappte sich einen Randbauern, der seine Dame für den Rest des Spieles ins Abseits zwang und auch Henning musste nach zäher Verteidigung gegen seinen 300 Punkte stärkeren Gegner die Segel streichen. Finn vermochte es jedoch seinen Gegner mit einer nahezu fehlerfreien Partie sehr sauber zu überspielen und auf 1-3 zu verkürzen.

Der erste Tag verlief somit im Rahmen der Erwartungen und der Abend wurde ausgelassen mit Döner und Pommes in der Ferienwohnung ausgeklungen.

In der Vormittagsrunde ging es im Duell gegen die Mannschaft aus Halle, die setzlistenmäßig in unmittelbarer Nähe von uns platziert waren. Es deutete sich ein spannender Kampf an. Während Niilos Gegner im Mittelspiel eine schöne Taktik fand und die Gegner in Führung brachte, brachte uns Alfred mit einer schönen Partie den Ausgleich.

Finn und Hennings Stellungen sahen lange ausgeglichen wenn nicht leicht besser aus, doch Finn verrechnete sich bei einer Schlagkombination und unterschätze einen Zwischenzug, der Turm und Partie kostete. Henning fand sich plötzlich in einem Endspiel wieder, wo sein Springerpaar vom gegnerischen König komplett manövrierunfähig gemacht wurde und er so faktisch mit zwei Leichtfiguren weniger spielte. Er kämpfte 4,5 Stunden, leider am Ende umsonst und der Kampf ging etwas ärgerlich 1-3 verloren.

Immerhin sollte es dafür in der Nachmittagsrunde einen leichteren Gegner geben oder? Nicht so richtig. Zwar war die Delegation aus Rüdersdorf vier Plätze hinter uns gesetzt, doch gerade an den ersten beiden Brettern hatten sie zwei starke Spieler vorzuweisen. Daher war es etwas ärgerlich als Samuel nach knapp einer Stunde mit einem remis aus dem Spielsaal zurückkehrte. Da er in der Endstellung aber tatsächlich deutlich schlechter stand, war es wohl das Beste, was noch herauszuholen war. Henning hatte sich eine Angriffspartie vorgenommen und entschied sich dementsprechend für heterogene Rochaden. Sein Gegner verstand jedoch auch etwas von Angriffsschach und schaffte den Durchbruch etwas schneller als Henning. Alfred spielte erneut eine tolle Partie mit einigen schönen taktischen Ideen und behielt damit seine weiße Weste. Nun lag es an Niilo, der sich in einer sehr unübersichtlichen Stellung wiederfand. Als sich der Nebel lichtete hatte er ein Endspiel mit zwei Leichtfiguren für den Turm gegen sich, was sich nicht mehr halten ließ. Somit mit 1,5-2,5 die zweite Niederlage an dem Tag, was den Jungs sichtlich auf die Stimmung schlug. Meine waghalsigen Fahrmanöver durch die Magdeburger Innenstadt, um vor Johann an der Wohnung anzukommen vermochten die Stimmung zwar temporär aufzuheitern. Doch Johann und ich waren uns einig, dass es drastischerer Maßnahmen bedurfte und so bestellten wir zum Abendessen frische Burger und Pommes. Diese Maßnahme erfüllte ihren Zweck und der Abend war gerettet.

Der dritte Tag brachte uns in der Vormittagsrunde den Setzlistenletzten – erneut aus Halle. Auch wenn ich die Kinder ermahnte, ihre Gegner trotz der niedrigen nicht zu unterschätzen, rechnete ich ziemlich fest mit einem Sieg. Gerade als Finn und Samuel bereits nach einer Stunde ihre Partien für sich entscheiden konnten und uns 2-0 in Führung brachten. Zufrieden stellte ich fest, dass sich auch Top-Scorer Alfred wieder eine Gewinnstellung erarbeitet hatte. Der Gegner stellte eine letzte Dauerschachdrohung auf, welche Alfred nach längerem Nachdenken zwar parierte, allerdings so, dass er plötzlich selbst Matt in 2 ging. Erschwerend kam hinzu, dass bei Henning zeitgleich ein Turm abhanden gekommen war. Er versuchte alles, um sich wieder zurück zu kämpfen, doch es war vergebens. Der Kampf endete 2-2 und die Enttäuschung der Spieler war deutlich zu erkennen. Viel Zeit zum Trauern gab es jedoch nicht, da nach einem kurzen Besuch beim Asiaten samt Box 3 bereits kurze Zeit später die nächste Runde begann. Mit Schwerin war es wieder ein Gegner aus den hinteren Setzrängen und dieses Mal lief es endlich wieder gut für uns. Nach knapp zwei Stunden war der Kampf durch. Finn, Samuel und Alfred konnten ihre Partien souverän gewinnen, während Niilo gegen seinen nominell stärkeren Gegner das remis sicherte.

Damit war auch dieser Abend gerettet und nach dem Gourmet-Essen Spirelli mit Pesto gab es einen entspannten Abendspaziergang.

Letzter Tag, letzte Runde, letzte Chance die Tabellensituation noch aufzuhübschen. Zwar waren wir aktuell noch auf Rang 13, aber die Teams lagen alle sehr dicht beieinander, sodass ein Sieg mindestens Top 10 bedeuten würde. Die Königspringer aus Hamburg waren jedoch setzlistenmäßig ein ebenbürtiger Gegner. Samuel behielt seine starke Form der zweiten Turnierhälfte bei und konnte erneut recht schnell gewinnen. Mit 4,5/6 zeigte er eine starke Einzelleistung. Wegen der Lautstärke wurden Eltern und Betreuer in der letzten Runde des Spielsaales verwiesen, sodass ich keine Ahnung hatte, was in dem Raum vor sich ging. Schließlich kam Niilo heraus und erzählte frustriert, dass er nur remis gespielt habe, nachdem er komplett auf Gewinn stand. Dazu kam die Info, dass Alfred im Turmendspiel drei Bauern weniger hatte. Daher war es abzusehen, dass wenig später ein frustrierter Alfred aus dem Spielsaal stapfte. Mit 4/6 bzw. 5/7 mit Ersatzspielerturnier zeigte aber auch er eine schöne Turnierleistung. Nun lag es bei einem Stand von 1,5-1,5 bei Henning, der einen 300 Punkte stärkeren Weltmeisterschaftsteilnehmer vor sich hatte. Henning schlug sich hervorragend und spielte eine fehlerfreie Partie. Sein Gegner leider auch, daher war das Ergebnis eine faire Punkteteilung, was für Henning dennoch ein schöner Abschlusserfolg war.

In der Endabrechnung sorgte das 2-2 leider für keine Verbesserung der Platzierung mehr und es blieb beim 13. Platz.

Ein wenig war den Jungs die Enttäuschung anzusehen, als sie bei der Siegerehrung aufgerufen wurden, da man hinter den eigenen Erwartungen etwas zurückgeblieben war. Letztlich überwog jedoch die Freude, da man auf ein spaßiges Turnier mit vielen schönen Momenten zurückblicken konnte und mit der neu gewonnenen Erfahrung gestärkt in die kommende Jugend- und Erwachsenensaison starten kann. Ein großer Dank gilt abschließend der Michael-Haukohl-Stiftung, die uns bei diesem Turnier wieder großzügig finanziell unterstützt hat.

 

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