Nachdem ich meine eigentlich geplante Teilnahme bei der DSEM 2026 krankheitsbedingt absagen musste, habe ich kurzfristig umdisponiert und mich wie schon im letzten Jahr für den Lichtenberger Sommer angemeldet. Im Unterschied zu 2025 bin ich dieses Mal allerdings der einzige Lübecker. Da ich auch ansonsten nicht allzu viele Teilnehmer kenne, kann ich mich neun Tage lang auf die 64 Felder konzentrieren.
Runde 1
Vor der ersten Runde gab es die üblichen Grußworte eines Schachfunktionärs und einer Vertreterin des Bezirks Lichtenberg. Die Polizikerin kannte ich nicht, aber mit dem Schachfunktionär Carsten Schmidt (Ehrenpräsident des Berliner Schachverbandes und norddeutscher Vizemeister des gesprochenen Grußworts) bin ich seit 30 Jahren gut befreundet und es ist immer wieder schön, mit ihm über die alten Zeiten zu sprechen.
Das Spiellokal ist für die 220 Teilnehmer großzügig bemessen und das Catering ist wie schon im letzten Jahr sehr ansprechend: Die Speisen werden frisch zubereitet und das Bier wird frisch gezapft.
Ich war schon sehr oft in Berlin und bin immer noch erstaunt, wie lange die Autofahrt vom ersten Berlin-Schild bis zum tatsächlichen Ziel dauert – in der Zeit ist man von Lübeck aus in Hamburg angekommen. Mein Hotel ist dieses Mal zwei Kilometer vom Spiellokal entfernt und man muss sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg auf der mehrspurigen Hauptstraße wenden, weil das Linksabbiegen an vielen Kreuzungen nicht erlaubt ist. Auch das kommt in Lübeck eher selten vor…
Trotz meines Setzlistenplatzes 23 spielte ich in der ersten Runde an Brett 22, weil die Nummer 4 der Setzliste für die ersten Runden ein Bye genommen hat. Der Grund dafür ist seine Teilnahme am Kreuzberger Open, das sich unglücklicherweise mit dem Lichtenberger Sommer überschneidet.
Runde 2
Da die zweite Runde erst um 17 Uhr begann, hatte ich genug Zeit, um vor der Vorbereitung die Wuhlheide zu erkunden. Hier ein paar schöne Bilder:
Ich glaube, ich eröffne in Lübeck eine Kneipe mit dem Namen "Traverne".
Ich bin kein Experte, aber dieser Baum...
...wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu den Preisträgern zählen.
Die Wuhlheide grenzt an die Trabrennbahn an, wo sich das Spiellokal befindet.
Wuhlheide
Wuhlheide
Wuhlheide
Ich hatte gestern Abend mein Auto aus der Not heraus etwas „ungewöhnlich“ geparkt. Vorne mein Auto, dahinter ein Auto aus Berlin, das später dort abgestellt wurde. Beide zusammen ergeben eine wunderbare bildliche Darstellung der Broken-Windows-Theory.

Das Turnier ist insgesamt wieder gut besetzt: Vorne einige Titelträger, dahinter einige 2200er und dann einige alternde FMs. Der Anteil an Kindern und Jugendlichen ist wie schon im vergangenen Jahr ziemlich hoch, was für die Nachwuchsarbeit der Berliner Vereine spricht. Ich bekam in der zweiten Runde wieder einen 17-jährigen Berliner zugelost, von dem ich immerhin eine Partie mehr in den einschlägigen Datenbanken gefunden habe als gestern. Aber die Partie-Vorbereitung wird mit zunehmendem Alter aus diversen Gründen sowieso immer unwichtiger, von denen einer das nachlassende Gedächtnis ist.
Am Nebenbrett spielte wie schon in der ersten Runde und wie schon im letzten Jahr ein sehr sympathischer Däne, der genau wie ich seine ELO-Zahl in den vergangenen zwölf Monaten exakt gehalten hat. Unser Plan ist, solange nebeneinander zu spielen, bis wir am ersten Brett angekommen sind. Aber wenn ich mich recht entsinne, ging dieser Plan schon im Vorjahr nicht auf.
Runde 3
Bei einem Schachturnier im Sommer besteht immer die Gefahr, dass einem der nicht klimatisierte Spielsaal etwas die Freude am schönsten Spiel der Welt nimmt. Der Spielsaal in Lichtenberg ist allerdings sehr groß und sehr hoch, und es gibt diverse Deckenventilatoren, die ununterbrochen laufen, d.h. es war bisher trotz der Hitze einigermaßen erträglich. Man sollte allerdings eine Sonnenbrille parat haben für die Partiephase, in der das eigene Brett den Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, die durch die große Fensterfront in den Spielsaal scheinen.
Heute konnte ich mir immerhin neun Partien meiner Gegnerin vorher anschauen: Maria Klymenko wurde in diesem Jahr bei der DJEM in Willingen in der Altersklasse U14 w deutsche Vizemeisterin.
Auf eine Vorbereitung habe ich trotzdem verzichtet, weil ich den Eindruck hatte, dass sie ihre Eröffnungen ständig variiert. Das tun die jungen Spieler(innen) heute viel häufiger als früher. Während unsereins die Eröffnung aus dem ersten „richtigen“ Schachbuch zunächst ein paar Jahre ausgiebig praktiziert hat (in einigen Fällen wurden daraus einige Jahrzehnte), kann man heutzutage auf jedem Handy auf alle Eröffnungsvarianten der Welt in Sekundenschnelle zugreifen.
Morgen geht es an einem der Live-Bretter gegen Felix Noetzel, von dem es etliche Partien gibt, was daran liegen wird, dass er älter ist als meine ersten beiden Gegner zusammen. Er gibt außerdem genau wie ich Schachtraining in seinem Verein und ich werde mich bemühen, nicht in seine Todeszone zu geraten.
Runde 4
Die Anzahl meiner Aufenthalte in Berlin ist mit Sicherheit dreistellig, beginnend mit einer Klassenfahrt Mitte der 80er Jahre über etliche Kämpfe in der zweiten Bundesliga Nord ab Ende der 80er Jahre (Für die Insider: „Alles andere als ein Sechseinhalb wäre eine herbe Enttäuschung!“) und schließlich das Kandidatenturnier 2018 und sehr viele Besuche der DSB-Geschäftsstelle in den Jahren 2017-2023. Das alles spielte sich aber im Wesentlichen im Westen Berlins ab, den wilden Osten der Stadt kenne ich fast gar nicht. Das Hotel, in dem ich während des Turniers wohne, befindet sich in Köpenick. Meine bisherigen Erkundungen haben ergeben, dass es hier einerseits viele schlechte Graffiti-Künstler gibt, die sich auch an Arztpraxen austoben, dass es andererseits aber auch viele schicke Neubauten gibt und dass man sich keine Sorgen machen muss, wenn man spät am Abend noch einkaufen muss.
Der schachliche Teil war heute nicht ganz so erfolgreich wie bisher, aber das hart erkämpfte Remis gegen einen nominell stärkeren Spieler verbuche ich auf der Habenseite. Der französische weißfeldrige Läufer kann auch einen Bauernverlust kompensieren, wenn er aktiviert werden kann. Erstaunlicherweise war die Stellung nach dem 40ten Zug laut Stockfish ausgeglichen, während beide Spieler dachten, dass Weiß sehr gute Gewinnchancen hat.
In der fünften Runde darf ich am zweiten Brett Platz nehmen, um gegen den Setzlistenersten IM Emil Schmidek zu spielen. Die Auswahl an Partien für die Vorbereitung ist dieses Mal sehr groß:
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