Beim neuen Trainingsangebot für Erwachsene am 7.Januar fand sich eine (kleine) zweistellige Zahl von Interessierten ein. Das Training wird jetzt immer am ersten und dritten Mittwoch im Monat von 18:30 – 20:00 Uhr angeboten. Die Teilnehmer haben diverse Vorschläge geäußert bzgl. der möglichen Themen – insbesondere die Frage „Welche Eröffnungen sind nach dem Erscheinen von Alpha Zero aus theoretischer Sicht nicht mehr oder nur noch eingeschränkt spielbar?“ wird eine intensive Vorbereitung meinerseits erfordern. Das Thema wird jeweils rechtzeitig auf der Webseite bekannt gegeben.
Am 7.Januar ging es um Turmendspiele mit einem entfernten Mehrbauern.
Einleitend zwei Stellungen mit den dazugehörigen Fragen.
Stellung 1
Weiß hat gerade 1.a6-a7 gespielt. War das ein guter Zug? Oder anders gefragt: Kann Weiß seinen Mehrbauern danach noch verwerten?

Stellung 2
Weiß zieht und gewinnt. Schwarz zieht und hält Remis. Welcher Zug muss dafür jeweils ausgeführt werden?

(Die Fragen werden am Ende des Beitrags beantwortet.)
Zunächst ging es im Training allerdings um die technischen Stellungen, in denen Weiß einen Turm und einen Bauern und Schwarz einen Turm hat. Den erfahrenen Spielern werden sofort die Stichworte „Philidor“ und Lucena“ einfallen, aber wir haben noch einige andere Themen behandelt.
Stellung 3
Diese Stellung mit dem g-Bauern ist remis, wenn Schwarz einfach mit dem Turm auf der achten Reihe verbleibt. Das funktioniert auch gegen den h-Bauern (und natürlich gespiegelt auf der anderen Brettseite gegen den a- und b-Bauern). Weiß kann Kh6 und g6 spielen und mit Tg7 Schach bieten, aber nach …Kh8 Th7 Kg8 geht es nicht weiter, nach g7 Ta6 verliert Weiß sogar noch. Hier ein Link zum Ausprobieren: g-Bauer

Remis
Stellung 4
Gegen den f-Bauern oder den e-Bauern funktioniert diese passive Verteidigungsstrategie nicht. Weiß spielt Kg6, f6 und nach Tg7 Kh8 Th7 Kg8 gewinnt er mit f7 Kf8 Th8. (Gespiegelt gilt das auch für d- und c-Bauern.) Hier ein Link zum Ausprobieren: f-Bauer

Weiß am Zug gewinnt
Stellung 5
Schwarz am Zug hält Remis mit …Ta6 und nach f6 spielt er dann …Ta1 und der weiße König kann sich vor den Schachgeboten des schwarzen Turms nicht verstecken. Das ist die berühmte Philidor-Stellung, diese Verteidigungsmethode funktioniert gegen alle Bauern. Hier ein Link zum Ausprobieren (mit dem e-Bauern anstelle des f-Bauern): Philidor-Stellung

Schwarz am Zug hält Remis
Stellung 6
Wenn der weiße König das Umwandlungsfeld des Bauern erreichen kann und der schwarze König entlang einer Linie abgeschnitten ist, gewinnt Weiß mit dem sogenannten Brückenbau. In der abgebildeten Stellung spielt Weiß Te1-e4, danach kann sich der weiße König vor den Schachgeboten des schwarzen Turms verstecken, indem er Kf7-g6-f6-g5 und schließlich Tg4 spielt. Hier ein Link zum Ausprobieren: Lucena-Stellung

Weiß gewinnt
Stellung 7
Wenn Weiß über den e-Bauern verfügt, gibt es eine alternative Gewinnmethode: Weiß spielt Th1-h8-f8 und kann danach mit dem König im Zick-Zack bis zur Grundlinie wandern. Hier ein Link zum Ausprobieren: Lucena-Stellung 2

Weiß gewinnt
Stellung 8
Mit dem Randbauern funktionieren beide Gewinnmethoden nicht, weil die dafür notwendige i-Linie (bzw. j-Linie) fehlt. Die Faustregel lautet hier, dass der schwarze König vier Linien abgeschnitten sein muss, d.h. diese Stellung ist Remis. Weiß kann nur Fortschritte machen, indem er den Turm nach g8 manövriert (Ta1-a8-g8) und in der Zeit kommt der schwarze König nach f7, danach geht es nicht weiter. Hier ein Link zum Ausprobieren: Randbauer drei Linien

Remis
Stellung 9
Wenn der schwarze König vier Linien abgeschnitten ist, kommt der schwarze König nur bis e7 und der weiße König kann das Feld h8 verlassen. Die Gewinnführung ist allerdings alles andere als trivial und soll hier nicht wiedergegeben werden. Hier ein Link zum Ausprobieren: Randbauer vier Linien. (Wenn man den Analysemodus anschaltet, kann man sich die Gewinnführung von Stockfish zeigen lassen.)

Weiß gewinnt
Nach dieser theoretischen Einleitung ging es um das eigentliche Thema: Weiß hat einen a-Freibauern, der weiße Turm steht vor dem Bauern, der schwarze Turm dahinter.
Stellung 10
Hier die Modellstellung, in der Weiß nicht gewinnen kann. Solche Stellungen unterliegen folgenden Vorgaben: Der weiße Turm ist vollständig unbeweglich, sobald er zieht, geht der a-Bauer verloren. Der weiße König ist scheinbar auf der ersten Reihe abgeschnitten, kann sich aber in Wirklichkeit frei bewegen, weil der schwarze Turm wiederum hinter dem a-Bauern bleiben muss. Der weiße König kann bis b1 laufen, dann muss der schwarze Turm die zweite Reihe verlassen und der weiße König kann sich dem a-Bauern nähern. Sobald der weiße König auf b6 angekommen ist, gibt der schwarze Turm allerdings (beispielsweise von b1 aus) Schach und der weiße König kann sich vor der Schachgeboten nur verstecken, indem er sich auf den schwarzen Turm zubewegt. Wenn der weiße König beispielsweise auf b3 angekommen ist, spielt Schwarz wieder …Ta6 und Weiß hat keinerlei Fortschritte erzielt. Hier ein Link zum Ausprobieren: Modellstellung

Remis
Stellung 11
Der schwarze König hat in unserer Modellstellung nur zwei sichere Felder zur Auswahl: g7 und h7. Wenn der König auf die sechste Reihe zieht, gibt der weiße Turm Schach und wenn der König auf f7 steht, gewinnt Weiß mit der bekannten Umgehung Th8. Hier ein Link zum Ausprobieren: Umgehung

Weiß am Zug gewinnt
Stellung 12
Wenn Weiß noch über einen zweiten Bauern verfügt, gewinnt er, wenn es sich nicht um einen g- oder h-Bauern handelt. Weiß zieht den zweiten Bauern einfach nach vorne und zwingt dadurch den König, die beiden sicheren Felder g7 und h7 zu verlassen. Sobald der Bauer auf f6 auftaucht, muss Schwarz diesen entweder mit Kxf6 schlagen (dann kommt Tf8) oder mit Kf7 blockieren (dann kommt Th8). Wenn der schwarze Turm den Bauern auf dem Weg nach f6 vorher schlägt, zieht Weiß seinen Turm nach b8 und wandelt den a-Bauern um. Hier ein Link zum Ausprobieren: f-Bauer

Weiß gewinnt
Stellung 13
Mit dem g-Bauern (oder h-Bauern) funktioniert dieser Gewinnplan nicht, Schwarz ignoriert den Bauern einfach, wenn er auf g6 angekommen ist. Der weiße König kann den Bauern unterstützen (beispielsweise von h5 aus), aber auch das führt nicht zum Gewinn. Hier ein Link zum Ausprobieren: g-Bauer

Remis
Stellung 14
Weiß braucht also unbedingt einen f-Bauern, um solche Stellungen zu gewinnen. Die folgende Stellung ist deshalb Remis. Selbst wenn Weiß den g-Bauern gewinnen könnte (was er nicht kann), wäre die Stellung immer noch Remis. Hier ein Link zum Ausprobieren: g-Bauern

Remis
Stellung 15
Wenn beide Seiten noch einen f-Bauern haben, ist die Frage, ob Weiß den schwarzen f-Bauern gewinnen kann. Gelingt ihm das, gewinnt er auch die Partie. Gelingt ihm das nicht, ist die Partie Remis. Wenn die beiden f-Bauern auf f4 und f5 stehen, kann der weiße König den schwarzen Bauern gewinnen, indem er nach e5 läuft, dann muss Schwarz auf a5 Schach geben. Nach Ke6 kann Schwarz nur noch …Kh7 spielen und nach der Antwort Kf6 muss er dann den Turm ziehen und den f-Bauern aufgeben. (Der weiße König auf f6 greift sowohl das Feld g7 als auch den Bauern f5 an.) Hier ein Link zum Ausprobieren: f-Bauern auf f4 und f5. (Analyse-Modus einschalten, falls die textuelle Erklärung nicht reicht.)

Weiß gewinnt
Stellung 16
Wenn die f-Bauern auf f3 und f4 stehen, funktioniert das eben beschriebene Gewinn-Manöver nicht, weil Schwarz nie in Zugzwang gerät. (Der weiße König kann nicht gleichzeitig das Feld g7 und den schwarzen Bauern auf f4 angreifen.) Hier ein Link zum Ausprobieren: f-Bauern auf f3 und f4

Remis
Mit diesem Wissen kann man Stellung 2 jetzt lösen:

Weiß am Zug gewinnt mit f4, Schwarz am Zug hält Remis mit …f4. Alle anderen Züge gewinnen nicht bzw. verlieren.
Stellung 17
Von praktischer Bedeutung sind die Stellungen, in denen am Königsflügel mehrere Bauern stehen. Weiß kann dann nur gewinnen, wenn er es schafft, sich einen f-Freibauern zu verschaffen. In dieser Stellung hier ist das nicht möglich. Hier ein Link zum Ausprobieren: Drei gegen drei Bauern am Königsflügel

Remis
Stellung 18
Witzigerweise ist die Stellung auch dann Remis, wenn der schwarze f-Bauern fehlt. Hier ein Link zum Ausprobieren: Drei gegen zwei Bauern am Königsflügel

Remis (Kleine Anmerkung: Wenn der weiße h-Bauer auf h2 oder auf h3 stehen würde, wäre die Stellung natürlich einfach gewonnen.)
Jetzt können wir auch die Stellung 1 auflösen:

Weiß gewinnt mit dem kleinen Bauernzug f3-f4. Wenn Schwarz auf f4 nimmt, kann Weiß mit gxf4 und dann e5 einen e-Freibauern bilden, der entweder den schwarzen Turm oder den schwarzen König ablenkt. Wenn Schwarz nicht auf f4 nimmt, nimmt Weiß auf e5 und läuft dann mit dem König bis nach e6. Schwarz muss dann …Kh7 spielen, dann kommt Kf5 und nach …g6 Kf6 entsteht die bekannte Zugzwangstellung. Hier ein Link zum Ausprobieren: Vier gegen vier Bauern am Königsflügel
Fazit: Weiß sollte in solchen Stellungen mit einem entfernten Freibauern und dem Turm vor dem Bauern den Freibauern nur dann auf die siebte Reihe ziehen, wenn er danach einen Freibauern auf der f- oder e-Linie bilden kann oder wenn er Schwarz eine Bauernschwäche auf e5 oder f5 zufügen kann, die er dann mit dem König angreifen und aufgrund von Zugzwang gewinnen kann. Kurz gesagt: Weiß sollte den Freibauern nur dann auf die siebte Reihe ziehen, wenn er genau weiß, warum er das tut 🙂
Nach diesem eher technischen Teil wurde noch eine Partie besprochen, die ich vor fast zehn Jahren gespielt habe.
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