Es ist ein paar Jahre her, seit sich eine Lübecker Mannschaft für die Deutsche Vereinsmeisterschaften in der U10 qualifiziert hat. Zuletzt 2020 in Magdeburg, wo die Legende des „Hellenbroichschen Kampfdöner“ seinen Ursprung hat. Da Schleswig-Holstein in den letzten Jahren auch immer nur einen Qualifikationsplatz bekam und junge Neuzugänge zu Zeiten der Pandemie eher selten waren, gab es in den letzten Jahren eine kleine Durststrecke. Dieses Jahr konnten wir uns auf Landesebene mit der starken Mannschaft bestehend aus Adam, Mavi, Theo und Daniil durchsetzen und unser Ticket für die DVM in Stuttgart buchen. Leider war der Termin für Daniil nicht realisierbar und er musste leider absagen. Das war ziemlich ärgerlich, da Daniil bei den Landesmeisterschaften mit 6/6 ein wesentlicher Faktor war. U8 DEM Teilnehmer Mark konnte an dem Termin leider auch nicht, daher musste ich bei unseren frischen Neuzugängen fragen und wurde fündig. Louis, der erst seit wenigen Monaten im Verein ist, war schon mutig genug, sich mit den Besten seiner Altersklasse zu messen und komplettierte die Mannschaft.
Bilder: Adam, Mavi, Theo und Louis

Der Austragungsort lag mit Stuttgart für uns natürlich nicht gerade optimal, aber immerhin ließ sich der Ort mit der Bahn mit nur einem Umstieg in Hamburg recht problemlos erreichen. Obwohl die Deutsche Bahn zur Abwechslung keine Unannehmlichkeiten bereitete, vergingen trotzdem über 7 Stunden bis wir in der Jugendherberge in Stuttgart ankamen. Dies lag unter anderem auch an dem recht beschwerlichen Aufgang von knapp 500 Stufen, welche wir mit Gepäck beladene Erwachsene nicht so leicht überspringen konnten, wie die Kinder. Der Ausblick auf die Innenstadt war jedoch durchaus sehenswert.

Mit dem Blick auf die Startliste wurde schnell deutlich, dass viele Vereine aktuell sehr starke Jahrgänge in der U10 haben. Hätte unser 1160er DWZ-Schnitt 2023 noch für Setzlistenplatz 13 gereicht, war es dieses Jahr Platz 27 von 40 Mannschaften.
Die Aufstellung war schnell geklärt, da Adam gerne Brett 1 haben wollte und Mavi mit Brett 2 zufrieden war. Da auf die 200 Kinder auch etwa die gleiche Anzahl an Betreuern und Eltern mitfuhr, mussten diverse Personen ausquartiert werden. Bei uns traf dies Mavi und Theo inklusive Elternteile zu, somit fehlte beim Abendessen die Hälfte von unserem Team. Die Zimmer waren recht dürftig ausgestattet, aber die erste Nacht war trotzdem erholsam abgesehen von dem lauten Schnarchen meines Zimmergenossen, welches ich ab und an durch einen gezielten Tritt gegen das Hochbett unterbinden musste.
Die erste Runde brachte uns mit der SG Porz direkt einen starken Gegner, der auf Platz 7 gesetzt war und an allen vier Brettern nominell favorisiert war. Nach einer kurzen Vorbereitung beim Frühstück starteten die Kinder hochmotiviert in das Turnier. Das Turnier ging zwar einen Tag kürzer als die anderen DVMs, dafür mussten die U10er 2 Tage mit drei Runden überstehen. Die Bedenkzeit war mit 55 Min. + 5 Sekunden pro Zug auch recht knapp gemessen.

Louis war gegen den schon vier Jahre im Verein spielenden Gegner nach der Eröffnung recht chancenlos und musste nach einiger Gegenwehr die Segel streichen. Adam hielt lange gut mit, übersah dann jedoch eine entscheidende Taktik, nach welcher sich der Gegner die Partie nicht mehr nehmen ließ. Mavi hatte meine mahnenden Worte für seinen Aufbau nicht so recht beherzigt und an beiden Flügeln seine Bauern nach vorne geworfen, was ihm eine sehr unsichere Königsstellung einbrachte. Theos Gegner übersah schließlich eine Taktik, die ihm einen Turm kostete und wenig später auch die Partie. Wenig später kam Mavi aus dem Spielsaal, der zu unserer Überraschung seine -6 Stellung auf dem Livebrett innerhalb der 15 Minuten Verzögerung zu einem Gewinn ummünzen und somit einen Mannschaftspunkt sichern konnte. Somit direkt ein schöner Erfolg zu Beginn.
Nach dem Mittagessen ging es direkt mit der zweiten Runde gegen MSA Zugzwang weiter. Auf dem Papier ein schlagbarer Gegner, aber wie so oft in der U10 zählt hier vor allem die Tagesform statt der Zahl. Die Gegner von Louis und Theo spielten stark auf und gewannen ihre Partien. Adam spielte eine schöne Partie und dachte ungewöhnlich lange nach. Am Ende unterlag aber auch er nach einer Taktik des Gegners. Mavi konnte noch den Ehrenpunkt mit einem sicheren Sieg holen. Die Stimmung war nun etwas gedämpft. Gerade Adam, der sonst immer ein Garant für gute Laune war, nahm sich seine zwei Niederlagen sehr zu Herzen und begann an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Wir versuchten ihn aufzubauen, aber es wurde klar, dass jetzt ein Sieg hermusste. Die dritte Runde brachte mit der Think Rochade Rostock wieder einen schlagbaren Gegner auf dem Papier. Dieses Mal traf dies auch zu. Louis fand eine sehr schöne Kombination um die Dame des Gegners zu gewinnen und erzielte in der Folge seinen ersten Sieg. Wenig später gewann auch Adam, wobei das seiner Laune nur begrenzt half, da das ja nur „ein leichter Gegner“ gewesen sei. Mavi blieb am ersten Tag ungeschlagen und holte seinen dritten Sieg zusammen mit Theo, der ein Remis beisteuerte. Somit ein souveräner 3,5-0,5 Sieg zum Abschluss des Tages.
Runde 4 brachte die Mannschaft aus Gräfelfing, die mit Setzlistenplatz 10 favorisiert war und insbesondere an den hinteren beiden Brettern stark war. Theo und Louis leisteten erheblichen Widerstand und erarbeiteten sich zwischenzeitlich auch aussichtsreiche Stellungen, am Ende setzten sich hier beide Gegner leider durch. Somit lag es an Adam und Mavi den Kampf noch zu retten. Adam überspielte seinen Gegner regelrecht und verkürzte auf 1-2. Mit 1450 war sein Gegner wohl auch stark genug, dass Adam nun sein altes Selbstbewusstsein wieder gewann. Mavi machte etwas überraschend in leicht besserer Stellung remis, da er starke Bauchschmerzen hatte. Natürlich ärgerlich für den Mannschaftskampf, aber die richtige Entscheidung, da Mavi zur nächsten Runde regelrecht getragen werden musste und unklar war, ob er überhaupt noch weiterspielen konnte.
Unser Gegner war das Schachzentrum Bemerode, weil setzlistenmäßig ungefähr auf unserer Höhe war. Adams Gegner spielte überraschend e4 statt d4, wonach mich Adam triumphierend angrinste und ich wusste, dass ich wieder den alten Adam vor mir halte. Theo verwechselte in der Partie leider die Züge der Vorbereitung und befand sich direkt in einer schwierigen Stellung, welche dem Gegner viele taktische Möglichkeiten eröffnete. Ein Trick funktionierte schließlich und Theo musste aufgeben. Louis wurde von der Eröffnung etwas überrascht und ließ sich seinen Läufer fangen, wonach er die Waffen strecken musste. Adams Selbstbewusstsein war angebracht und er gewann wieder recht deutlich („Gegen e4 bin ich der Beste“). Mavi spielte am Längsten, was uns Sorgen ob seines Gesundheitszustandes machte. Er gewann früh eine Figur und verwandelte das Spiel trotz zäher Gegenwehr souverän zu einem Sieg. Somit also ein faires 2 -2.
Vor der Nachmittagsrunde gingen wir auf den Spielplatz bauten den Kindern ihre angestaute Energie ab.

In der Nähe gab es auch eine kleine Sternwarte von welcher man einen tollen Ausblick auf die Stadt hatte. Runde 6 rief den Ausrichter Stuttgart auf den Plan, die insbesondere mit u10 Vizemeister Jan Schmidt einen echten Brocken (1850 DWZ) aufzuweisen hatte. Die Punkte mussten von den Wertungszahlen her an Brett 2 und Brett 3 erzielt werden und die beiden lieferten: Sowohl Theo als auch Mavi spielten tadellose Partien mit 98% Genauigkeit und bestraften jede Ungenauigkeit ihres Gegners. Louis kämpfte lange und startete trotz Minusfigur einen gefährlichen Angriff mit einem Turmopfer. Leider übersah er einen Zwischenzug des Gegners mit Schach, welcher den Damentausch forcierte und die Partie nicht mehr zu halten war.
Nun lag es an Adam. Nachdem er etwas unaufmerksam einen Bauern in der Eröffnung verlor, spielte er sehr präzise und es gelang ihm die -3 Stellung in eine ausgeglichene Stellung gegen den Deutschen Vizemeister abzuwickeln und fand schließlich eine Dauerschachidee, nach welchem der halbe Punkt und damit der Mannschaftssieg sicher war. Adam stolzierte aus dem Spielsaal, als wäre es das Natürlichste auf der Welt und ärgerte sich, dass er nicht noch auf Gewinn gespielt hatte.
Somit war die Ausbeute 50% wie schon am Vortag und somit konsequenterweise Platz 20. Die letzte Runde sollte nun entscheiden, ob es ein sehr gutes oder ein gutes Turnier wird. Uns wurde mit Tarrasch-Nürnberg wieder ein Gegner aus der vorderen Setzlistenhälfte zugeteilt, der aber Chancen für uns gerade an den ersten beiden Brettern offenbarte. Ein letztes Mal wurde am Frühstückstisch vorbereitet und motivierend auf die Schulter geklopft, bevor es in den Spielsaal ging. Die Runde wurde spannend: Louis wurde als erster fertig. Er hatte im Londoner System seinen Gegner zunächst überspielt, im Mittelspiel sich dann zu sehr auf ein taktisches Motiv fokussiert und die eigene Stellung zu sehr geschwächt, was der Gegner auszunutzen wusste und die Gegner 1-0 in Führung brachte. Theos Gegner überraschte mit einem c3 Italiener an Stelle des Vierspringerspiels. Theo fand die richtigen Züge in der unbekannten Eröffnung. Das kostete ihn aber einen Großteil seiner Bedenkzeit, was ihm dann später zum Verhängnis wurde und er eine Variante unter Zeitdruck falsch berechnete. Somit waren Adam und Mavi wieder unter Siegesdruck.
Dieses Mal konnten sie leider nicht mehr zaubern. Adam hatte einen Blackout und ließ eine Leichtfigur einfach stehen. Nachdem er hatte zuvor seinen Gegner sauber überspielt hatte und drei Mehrbauern hatte, ließ sich die Stellung sich nun nicht mehr auf Gewinn spielen, weshalb eine Punkteteilung vereinbart wurde. Da der Kampf nun verloren war, nahm Mavi auch das Remisangebot seiner Gegnerin an und beendete damit eine volatile Partie mit Chancen für beide Seiten. Enttäuschte Gesichter über das Spiel und somit über Platz 25 waren natürlich kurzzeitig nicht zu vermeiden, doch im Grunde gab es keinen Grund unzufrieden zu sein. Insbesondere Mavi spielte mit 6/7 ohne Niederlage ein tolles Turnier, was ihm ein Plus über 100 DWZ einbringt. Besonders stolz war ich über die Tatsache, dass die vier im Turnierverlauf ihre Bedenkzeit immer besser nutzten und zu schnelles Spielen wie es nur vor einigen Monaten noch üblich war, der Vergangenheit angehörte. Die vier haben in dieser Hinsicht alleine auf diesem Turnier enorme Fortschritte gemacht, insofern bin ich für die Turniere im nächsten Jahr sehr optimistisch. Während der Wartezeit auf die Siegerehrung wurde natürlich weiter Schach gespielt.

Die Siegerehrung war dann aber leider anders als der Rest des Turniers nicht besonders gut organisiert, sodass unter lautem Kindergeschrei und dichtem Gedränge in den vorderen Reihen die aufgerufenen Mannschaften kaum verstanden werden konnten und auch nicht kurz auf die Bühne kommen konnten. Im Anschluss wurde hastig das Mittagessen verschlungen, da ich die Zugverbindung sehr knapp gebucht hatte. Der Weg von der U-Bahn Station des Hauptbahnhofs zum Gleis dauerte unerwartete 10 Minuten, sodass wir unseren Zug um 2 Minuten gerade noch bekamen. Die Rückfahrt verlief dann reibungslos – mit Ausnahme des McDonalds Besuch am Hamburger Hauptbahnhof. Mit 20 Minuten bis zur Abfahrt gaben wir unsere Bestellung auf, doch von den zahlreichen Mitarbeitern fühlte sich kaum einer für die Bestellung zuständig.
Die Minuten verstrichen, Kinder und Eltern wurden schon zum Gleis geschickt während ich auf die Bestellung wartete. 3 Minuten vor Abfahrt erhielt ich die zahlreichen Boxen und Flaschen in einer großen Tüte. Kaum war ich ein paar Meter gesprintet, riss die Tüte und das gesamte Inventar flog daher. Mein Rucksack bot zum Glück genug Platz und ich stopfte alles herein bevor ich in letzter Sekunde noch den Zug erreichte. Dies erinnerte mich an einen ähnlichen Vorfall bei der NVM 2014, wo in der Hektik vom McDonalds zum Zug eine Tasche von einem der Spieler auf dem Bahnsteig liegen gelassen wurde. Das passierte uns zum Glück nicht und alles kam vollzählig in Lübeck an. Für Adam und Theo war es das letzte Turnier in der U12, während Mavi, Louis und auch Daniil noch ein weiteres Jahr in de U10 spielen dürfen. Die Chancen stehen für das nächste Jahr daher wieder gut. Am Ende möchte ich mich noch bei Figen, Thomas und Martin für die Unterstützung bei der Betreuung der Kinder vor Ort und der Michael-Haukohl-Stiftung für die finanzielle Unterstützung bedanken.

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