Kurz vor Weihnachten gewann ich unverhofft einen Titel: Ich war nämlich Teil der LSV-Mannschaft, die mit einem 4:0 gegen den SV Bad Schwartau den „Landesmannschaftspokal“ eroberte. Unverhofft war das deshalb, weil ich eigentlich gar nichts mit diesem Turnier zu tun gehabt hatte, aber dann war Not am Mann und ich musste einspringen. Vor 20 Jahren, 2006, hatte ich schon einmal diesen Titel gewonnen, allerdings nicht in Schleswig-Holstein, sondern in Hamburg, als Mitglied des HSK. An den Landestitel schließt sich gemeinhin die Teilnahme des siegreichen Vereins an der Deutschen Pokal-Mannschaftsmeisterschaft (DPMM) an. Dieses Vergnügen blieb mir damals verwehrt, weil die Jungs aus den oberen Mannschaften das Mandat übernahmen, womit eigentlich auch jetzt zu rechnen gewesen war. Doch wieder war Not am Mann, nicht zuletzt wegen des zeitgleich stattfindenden Kadertrainings. Und so sprang ich wieder ein: Nach 47 Jahren in verschiedenen Schachvereinen nahm ich erstmals überhaupt an einer Meisterschaft auf „Bundesebene“ teil, nämlich der DPMM-Vorrunde in Stendal (Sachsen-Anhalt).
Unsere Vierermannschaft, die sich am letzten Sonnabend um 10 Uhr vom Treffpunkt Hauptbahnhof aus auf den Weg machte, bestand aus Bruno Engel, Tom Linus Bosselmann, Thilo Koop und dem Verfasser dieses Berichts. 248 km auf trockenen, wenig befahrenen Straßen – das war überhaupt kein Problem. Highlight der Fahrt aus meiner Sicht war die Überquerung der Elbe bei Wittenberge: Der Fluss hat eine imposante Breite, was nochmal eine ganz besondere optische Wirkung hatte, weil viel Eis auf dem Wasser schwamm. Zugleich war dies der Moment, in dem Thilo eine Leerstelle in seiner Vita füllen konnte: Nie zuvor war er in Sachsen-Anhalt gewesen, aber nach der Brückenüberquerung war er dann tatsächlich da.
Vier Mannschaften traten zu dieser Zwischenrunde in Stendal an, die allesamt aus Hansestädten kamen: Aus meiner Heimatstadt Hamburg war die Delegation des FC St. Pauli angereist, aus der Hansestadt Uelzen die Mannschaft des Post SV Uelzen und die Gastgeber vom SK Stendal sind ja ebenfalls in einer Hansestadt zuhause. Tja, und dann eben wir aus der Hansestadt Lübeck. Damit nicht genug, hatte ich uns auch noch vier Zimmer im „Hanse-Hotel“ reserviert. Geleitet wurde das Turnier von IA Bernhard Riess, der aus Berlin angereist war.
Am Sonnabend wurden die Halbfinals gespielt, am Sonntag dann das Finale. Von den vier Mannschaften würde sich also nur eine für die nächste Stufe des Turniers, die „Zwischenrunde“, qualifizieren. Eindeutiger Favorit hierfür waren die mit zwei IMs angereisten St. Paulianer. Aus unserer Sicht wäre es also optimal gewesen, zunächst nicht gegen St. Pauli gelost zu werden, dieses Halbfinale zu gewinnen, und dann – vermutlich gegen St. Pauli – zu schauen, ob etwas geht. Exakt so kam es dann auch: Die Halbfinals lauteten Stendal gegen St. Pauli und Lübeck gegen Uelzen. Beide Mannschaftskämpfe endeten 3,5:0,5 – der eine zu Gunsten von St. Pauli, der andere zu unseren Gunsten.
Gegen Uelzen spielte ich eine Partie, die fast fünf Stunden dauern sollte. Und ich liebe das, dieses stundenlange Versinken in einer einzigen Partie. Das ist einfach etwas anderes als ein paar Blitz- oder Rapid-Partien. Es war eine echte Großkampfpartie mit vielen spannenden Phasen:
Auch Bruno und Tom gewannen ihre Partien. Thilo steuerte ein Remis bei und mit dem 3,5:0,5 für uns stand fest, dass wir auch am Sonntag noch einmal würden spielen dürfen – wie erhofft gegen St. Pauli. Tatsächlich kam es aber schon am Abend zu einer flüchtigen Begegnung mit den St. Paulianern, nämlich im „Ristorante Gelateria Italia“ in der (das ist jetzt kein Witz!) Breiten Straße. Das Essen war lecker, ausgegeben wurde es von Thilo. Auch von dieser Stelle aus noch einmal herzlichen Dank an unseren 1. Vorsitzenden für diese Geste! Es dauerte indes eine Weile, bis das Essen an den Tisch kam. Da war Zeit genug, um noch einmal eine Stellung aus Brunos Partie diskutieren. Gewonnen hatte unser Brett 1 letztlich aufgrund eines unglücklichen Blackouts bei seinem Gegner, aber schon etwas früher in der Partie hatte er eine Stellung auf dem Brett gehabt, die der Computer als eindeutig gewonnen beurteilt hatte. Aber wie das angehen könnte, wollten sich Bruno und Tom nicht vom Computer zeigen lassen, sondern selbst herausfinden. Ich hoffe, ich erinnere die Stellung richtig:
Es war Tom, der nach einigen Minuten die richtige Lösung entwickeln sollte (ich konnte das beurteilen, weil ich zuvor schon am Handy die „Syzygy endgame tablebases“ konsultiert hatte – ohne jedoch etwas zu verraten).
In Stendal ist abends nicht viel los auf den Straßen, und die Gegend, in der das Hanse-Hotel liegt, war total ausgestorben. Egal, mit der Hilfe von Google Maps fanden wir bequem hin. Der in der Spätzeit der DDR entstandene Plattenbau zeigte uns dann auch, warum die „Platte“ oftmals besser war als ihr Ruf: Äußerst geräumige Zimmer mit breiter Fensterfront, die am nächsten Morgen viel Tageslicht einlassen würde, ein großer Balkon. Das war sehr komfortabel und mit Hilfe des großen Fernsehers ließ sich dann auch noch das EM-Handballspiel Deutschland gegen Norwegen verfolgen, bevor das Licht ausgemacht wurde.

Blick vom Balkon am Sonntagmorgen

Leckeres Frühstück vom Buffet in entspannter Atmosphäre
Der Kampf gegen St. Pauli begann mit zwei relativ schnellen Remisen: Bruno teilte an Brett 1 den Punkt mit IM Benedict Krause, ich an Brett 3 mit Triona Eberle. Lange gespielt wurde an Brett 2, Tom gegen IM Aljoscha Feuerstack, und an Brett 4, Thilo gegen Daniel Otis Thieme. Damit war noch so ziemlich alles möglich, klar war nur, dass wir ausscheiden würden, falls Tom verlieren würde. Oder es gäbe zwei Remisen, dann käme es zum Blitzentscheid – am Rande bekam ich mit, dass die Paulianer vor Brunos Blitz-Elo von aktuell 2467 Punkten doch einigen Respekt hatten. Aber dazu kam es nicht. Tom verlor nach langem Kampf gegen IM Feuerstack, während Thilo in seiner Partie ein Remis erreichte. 2,5:1,5 für St. Pauli – für uns war es indes das Ende der diesjährigen DPMM.

Tom kämpft gegen Feuerstack, Benedict Krause fotografiert
Unser spezieller Dank geht an die netten Gastgeber vom SK Stendal sowie an den souveränen Schiedsrichter Bernhard Riess.
Um 17 Uhr und 248 Kilometer später waren wir müde, aber wohlbehalten zurück in Lübeck. Es war das Ende eines intensiven Schach-Wochenendes.
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Schöner Bericht, lieber Klaus, und mir wurde klar, dass wir beide schon zweimal zusammen „Landesmeister“ wurden (LSV III in den Saison 2022/23). Schade, dass es gg. St. Pauli nicht ganz gereicht hat.