Dame gegen zwei Türme

In der Trainingseinheit am 18.Februar wurden zunächst die Inhalte des letzten Trainings abgefragt, die Ergebnisse kann man sich hier anschauen:

Das interaktive Quiz werden wir beim nächsten Mal wiederholen, insofern lohnt sich das eingehende Studium dieses Beitrags, wenn man am 4.März dabei sein möchte 🙂

In dieser Trainingseinheit ging es zunächst um das Materialverhältnis Dame gegen zwei Türme in seiner reinen Form, d.h. ohne weitere Figuren. Wir haben uns acht Modellstellungen angeschaut und dann acht Partiefragmente betrachtet, bei denen viermal die Dame und viermal die beiden Türme erfolgreich waren. Danach ging es um einige Kapitel aus dem Buch „Secrets of practical chess“ von John Nunn, bevor wir wie immer sechs Aufgaben gelöst und eine berühmte Großmeisterpartie nachgespielt haben.

Einleitung

Die Materialverteilung Dame gegen zwei Türme gehört zu den dynamischsten und zugleich am schwersten einzuschätzenden Ungleichgewichten im Schach. Rein rechnerisch gelten beide Seiten als ungefähr gleichwertig – in der Praxis hängt die Bewertung jedoch stark von Stellungstyp, Königssicherheit, Koordination und Aktivität der Figuren ab. Im Gegensatz zu klareren Ungleichgewichten (z. B. Turm gegen Leichtfigur) entstehen hier häufig hochkomplexe Stellungen mit taktischen Motiven, Dauerschachideen, Qualitätsopfern oder langfristigen strukturellen Kompensationen.

Typische Leitfragen in solchen Stellungen sind:

Wie sicher sind die Könige?
Die Dame entfaltet ihre Stärke besonders gegen einen exponierten König.

Wie gut kooperieren die Türme?
Zwei verbundene, aktive Türme können enorme Durchschlagskraft entwickeln.

Gibt es offene Linien oder stabile Blockadestrukturen?
Während die Dame häufig von Aktivität, Flexibilität und Angriffspotenzial lebt, benötigen die Türme Koordination und offene Linien. Das Ungleichgewicht ist daher selten statisch – kleine Veränderungen können die Bewertung deutlich verschieben.

Im heutigen Training geht es um typische Motive, praktische Entscheidungsfindung und Bewertungsmaßstäbe anhand konkreter Beispiele.

Musterstellungen

Das Anklicken des Diagramms öffnet die jeweilige Stellung auf Lichess im Analyse-Modus.

Stellung 1: 2T gegen D+2B

Die Dame mit zwei verbundenen Freibauern gewinnt. Wenn die Bauern vereinzelt sind, können die Türme häufig beide Bauern entlang einer Reihe blockieren, also wenn in der Ausgangsstellung der Bauer auf h6 statt auf g6 stünde.

Stellung 2: 2T+2B gegen D

Die Türme mit zwei verbundenen Freibauern gewinnen. Das gilt auch, wenn die Bauern vereinzelt sind, also wenn in der Ausgangsstellung der Bauer auf h2 statt auf g2 stünde.

Stellung 3: 2T+3B gegen D+3B

In dieser Art von Stellungen kann nur die Seite mit den Türmen gewinnen, aber dies nur dann, wenn die Seite mit der Dame passiv spielt. In der Regel können die Türme nur auf Kosten eines Dauerschachs aktiviert werden.

Stellung 4: 2T+4B gegen D+4B

In dieser Stellung steht Weiß auf Gewinn. Wichtig ist dabei die Sicherheit des Königs. Durch den scheinbar schwachen Doppelbauern auf f2 und f3 ist diese gewährleistet, wenn der Bauer auf e3 statt auf f3 stünde, wäre die Stellung nicht so klar.

Stellung 5: 2T+4B gegen D+3B

Zwei Türme mit einem entfernten Freibauern gewinnen in der Regel relativ einfach, weil die Dame von jedem Blockadefeld vertrieben werden kann.

Stellung 6: 2T+3B gegen D+4B

Die Dame mit einem entfernten Freibauern gewinnt in der Regel nicht, weil die Türme den Bauern einfach blockieren können.

Stellung 7: 2T+4B gegen D+4B

Wenn eine Partei gewinnen kann, dann die beiden Türme. In der Regel gelingt die Aktivierung der Türme in Richtung a7 oder f7 allerdings nur auf Kosten eines Dauerschachs.

Stellung 8: Studie von Henri Rink

Weiß am Zug gewinnt durch eine Abfolge einziger Züge, für die Praxis ist diese Stellung nicht relevant.

Die Dame gewinnt

Im folgenden einige Partien, in denen die Dame die Oberhand behält. Das Anklicken des Links „Lichess“ öffnet die Stellung in einem neuen Fenster zur Analyse in Lichess.

Partie 1

Lichess

Partie 2

Lichess

Partie 3

Lichess

Partie 4

Lichess

Die Türme gewinnen

Im folgenden einige Partien, in denen die Türme die Oberhand behalten. Das Anklicken des Links „Lichess“ öffnet die Stellung in einem neuen Fenster zur Analyse in Lichess.

Partie 5

Lichess

Partie 6

Lichess

Partie 7

Lichess

Partie 8

Lichess

Fazit

1. Faustregel: Aktivität schlägt Materialgleichgewicht

Die aktivere Seite steht fast immer besser – unabhängig davon, wer „objektiv“ im Vorteil ist.

Aktive Dame mit Angriffsdrohungen – oft klarer Vorteil.
Zwei Türme auf offenen Linien, siebte Reihe oder mit Invasionsfeldern – enorme Dynamik.
Passive Verteidigung mit Türmen ist fast immer unerquicklich.

Zwei koordinierte Türme sind stärker als eine Dame – zwei unkoordinierte Türme sind oft schwächer.

2. Faustregel: Königssicherheit ist der Hauptfaktor

Steht ein König offen, ist die Dame meist die gefährlichere Figur.

Die Dame:
gibt Dauerschach
greift mehrere Schwächen gleichzeitig an
erzeugt Mattnetze

Die Türme:
brauchen Zeit zur Koordination
sind anfällig für Gabeln und Taktiken

3.Faustregel: Türme lieben offene Linien

Je offener die Stellung, desto stärker die Türme – sofern sie koordiniert sind.
Verdoppelte Türme auf einer offenen Linie sind extrem stark.
Eindringen auf die 7. Reihe ist oft strategisch entscheidend.
Geschlossene Bauernstrukturen begünstigen eher die Dame.

4. Faustregel: Die Dame liebt Mehrfachangriffe

Die Dame gewinnt an Wert, wenn es viele lose Bauern oder Schwächen gibt.

Typische Motive:
Gabeln auf König + Turm
Angriff auf rückständige Bauern
Umschalten von einem Flügel zum anderen in einem Zug

5. Faustregel: Praktischer Faktor

In Zeitnot oder unter Druck ist die Dame oft leichter zu spielen (ein Zug – mehrere Drohungen). Die Türme erfordern präzise Abstimmung.

Psychologisch ist die Stellung für die Turmseite häufig schwieriger zu handhaben.

Kreuzberg

Auf der Seite des SK Kreuzberg gibt es eine wunderbare Ausarbeitung zu unserem Thema: https://www.schachclubkreuzberg.de/wp-content/uploads/2018/06/dame2tuerme.pdf

Aufgaben

Das Anklicken des Diagramms öffnet die jeweilige Stellung im Analysemodus auf Lichess.

Aufgabe 1

Weiß am Zug gewinnt

Aufgabe 2

Weiß am Zug gewinnt

Aufgabe 3

Schwarz am Zug gewinnt

Aufgabe 4

Weiß am Zug gewinnt

Aufgabe 5 (Lasker-Manöver)

Weiß am Zug gewinnt

Aufgabe 6

Weiß am Zug gewinnt

Petrosjan – Botwinnik, 1963

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