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Zwei Herzen schlagen ach in meiner Brust.

Zugegeben es mag ein wenig übertrieben klingen, einen Bericht über die Schleswig-Holsteinische Schachlandesliga mit dem Großmeister der deutschen Sprache zu beginnen.

Aber andererseits gibt dieses Zitat meine momentane Gemütsverfassung doch recht gut wieder. Denn auch in dieser Saison bin ich bedauerlicherweise wieder Mannschaftsführer beider LSV Landesligateams, also der Zweiten und der Dritten. Dies kann, vor allem im Spiel der beiden Mannschaften gegeneinander, durchaus zu skurrilen Situationen führen. Sicher führt es bei mir zu einem gewissen Zwiespalt. Spätestens seit Stefan Zweigs Schachnovelle wissen wir wohin die innere Zerrissenheit beim Schach so führen kann und manch einer wird ein Lied davon singen können. So auch ich!

Als Jugendlicher habe ich in den Herbstschulferien einmal meinen damals in Göttingen studierenden Bruder besucht. Zum Zeitvertreib war ich mit einem Schachbrett und den damals neuesten Abhandlungen über die Pirc-Ufimzev Verteidigung bewaffnet. So ließ ich das Göttinger Nachtleben Nachtleben sein und verbrachte Abend für Abend brav und fleißig mit dem Studium der Varianten der Herren Hort und Borik. Dies alles zur großen Irritation der damaligen Freundin meines Bruders. Diese, eine anerkannte Expertin in Sachen Psychologie (Studentin des ersten Semesters) hatte für mein, in ihren Augen, wunderliches Verhalten auch sofort einen ernsten pathologischen Befund zur Hand. Eines Abends hörte ich nämlich wie sie im Nebenraum zu meinem Bruder sagte: „Hast du das gesehen? Der spielt Schach gegen sich selbst. Das ist nicht gesund. Das ist sogar krank. Das kann man nämlich nur, wenn man über eine multiple Persönlichkeit verfügt. Also mindestens zwei, aber wer weiß wie viele da noch im Verborgenen lauern. Das nennt man Schizophrenie. Du musst ihn dringend fragen, ob er schon Stimmen hört.“ Es kam wie es kommen musste. Am Ende der Ferien war ich selbstverständlich fest davon überzeugt tatsächlich Stimmen zu hören, während besagte Dame, von jeher ein wankelmütiges Wesen, sich mittlerweile ihres einstigen Berufswunsches entledigt und das Studienfach gewechselt hatte. Von nun an strebte sie nach den höchsten Weihen der Theologie. Letztlich ist und bleibt eben alles eine reine Glaubensfrage.

An diese Episode aus meiner Jugend fühle ich mich heutzutage bisweilen erinnert. Immer dann nämlich, wenn der Mannschaftsführer von LSV II glaubt die Stimme des Mannschaftsführers von LSV III zu hören und eben umgekehrt.

Sportlich betrachtet sind nun sechs Partien gespielt und es ist an der Zeit den Mannschaftsführer von LSV II zu Wort kommen zu lassen.

Ich bin ja sowas von bedient! Unser großes Ziel, die Titelverteidigung in der Landesliga, können wir nun wohl endgültig ad acta legen. Die Abgabe unserer beiden Jungstars Frederik Svane und Tigran Poghosyan an unsere Erste haben wir dann doch nicht verkraften können. Dabei hatte ich eigentlich gedacht den Ausfall an jugendlichem Elan, durch ein Mehr an Erfahrung und Wettkampfhärte ausgleichen zu können. Aber in den Zeiten von Schach 4.0 ist die Generation der Digital Native dann doch einfach unbestritten im Vorteil.

Am besten versteht man den bisherigen Saisonverlauf der zweiten Mannschaft vielleicht als Drama in sechs Akten. Dies soll hier nun zur Aufführung gelangen.

Erster Akt

Schwanengesang

LSV II - LSV III 5,5:2,5

Dabei hatte doch eigentlich alles so gut angefangen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war es uns gelungen, das Bruderduell gegen unsere dritte souverän für uns zu entscheiden. An dieser Stelle unterbrechen wir die Aufführung aus gegebenem Anlass für eine kurze aber wichtige Durchsage unseres großen Vorsitzenden.

Der große Vorsitzende: „In meiner durch Personalunion und eigenmächtigem Beschluss herbeigeführten Eigenschaft als Gender - Beauftragter des Vereins möchte ich darauf hinweisen, dass hier an dem Begriff Bruderduell nichts auszusetzen ist. Da nur Männer am Spiel beteiligt waren liegt eine Diskriminierung durch eine unzulässige maskuline Verallgemeinerung nicht vor. Nun aber wieder zurück auf die Bühne.“

Vielen Dank großer Vorsitzender. Werfen wir nun ein Schlaglicht auf einige ausgewählte Partien.

Eulen nach Athen tragen

Brett 1: Tom Linus Bosselmann - Marco Frohberg 0:1

Tom Linus hatte gleich in der Eröffnung Marco scharf mit dem Blackmar Diemer-Gambit angesprungen. Vielleicht eine nicht ganz sattelfeste Variante, aber in der Hand eines versierten Taktikers, der Tom ja ohne jeden Zweifel ist, wahrlich eine gefährliche Waffe.

Er konnte ja nicht ahnen, dass Marco in seiner Jugend jedes inkorrekte Gambit schon mal selbst ausprobiert hatte und somit um die Schattenseiten und die geeigneten Gegenmaßnahmen wusste. Das nennt man dann wohl Künstlerpech.

Venitis, viditis, remisitis.

Du kamst, du sahst, du spieltest Remis.

Brett 3 Vjacheslav Berdichewskiy - Ulrich Sieg 1/2:1/2

Zu diesem Zeitpunkt waren wir uns der Gefahr, die uns in dieser Saison drohte noch nicht bewusst. Wie denn auch? Es war ja alles wie immer. Auch in dieser Saison war die erste Partie die zu Ende ging eine von Uli. Sein kurzzügiges Remis gegen Berti war von tiefer schachlicher Reinheit und einer pulsierenden, ja geradezu elektrisierenden, inneren Spannung begleitet. Naja, oder so ähnlich.

Zweiter Akt

Götterdämmerung

Schwarzenbeker SK - LSV II 4:4

4:4 gegen eine Mannschaft, die in der ersten Runde 1:7 gegen Schwartau verloren hatte. 4:4 in einem Kampf in dem unser DWZ Vorsprung so groß war, dass sich die Zahl bei weitem meiner Vorstellungskraft entzieht. Wie konnte das passieren? Vielleicht war auch ein Grund, dass wir uns bis ganz kurz vor Schluss nicht vorstellen konnten den Kampf nicht zu gewinnen. Diese mit Arroganz gepaarte Schludrigkeit wurde von den tapferen Schwarzenbekern ebenso bitter, wie völlig zu Recht bestraft.

Meine Rochade, deine Rochade, keine Rochade

Brett 1 Marco Frohberg - Lars Braubach 1:0

Nach einer mehr als ungewöhnlich Eröffnungsbehandlung war allen Anwesenden klar, dass beide Seiten bei vollem Brett nicht mehr guten Gewissens würden rochieren können. Dieser Umstand verunsicherte das Schwarzenbeker Spitzenbrett sichtlich. Sein Spiel wurde immer passiver. Marco hingegen fühlte sich wie ein Fisch im Wasser und spielte groß auf. Das abschließende blutige Gemetzel war ein Fest für jeden Freddy Kruger Fan.

Captain mein Captain was hast du getan?

Brett 3 Andreas Hein - Klaus-Dieter Kühn 0 - 1

Andreas war nie wirklich in die Partie gekommen, was unter anderem auch daran gelegen hatte, dass er statt seines geliebten Damenbauernspiels, die englische Eröffnung gewählt hatte, mit der er nach eigenem Bekunden eigentlich gar nicht so gut zurechtkommt. Als Begründung gab er später folgendes zu Protokoll: „Du glaubst doch nicht allen Ernstes, dass ich in deinem Beisein noch einmal zum Damenbauernspiel greife? Wo du doch erst unlängst einen so schändlichen Schmähartikel gegen diese Eröffnung geschrieben hattest. Damenbauerngekrumpel hattest du es genannt. Man setzt sich doch nicht freiwillig deinem Hohn und Spott aus.“

Da haben wir’s. Der wahre Schuldige ist erkannt, benannt und wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen.

Michael Lucas, der Lasker Epigone

Brett 4 Andreas Jordan - Michael Lucas 1/2:1/2

Michael Lucas ist der Traum eines jeden Mannschaftsführers. Motiviert bis in die Haarspitzen, vorbereitet bis Zug 111 und wenn er mal nicht kann, dann weiß ich das in der Regel schon vier Jahre im voraus.

Auch gegen Andreas Jordan hatte er selbstverständlich etwas ganz Besonderes vorbereitet. Eine Variante des Weltklassespielers und ehemaligen LSVers Michael Tricky Micki Adams sollte es sein. Das Problem war nur, dass der britische Topspieler diese Zugfolge ersonnen hatte, um sich damit gegen seinesgleichen zu Wehr zu setzen. Andreas ist aber bekanntermaßen ein plietscher Jung und durchkreuzte Michaels Pläne auf eine geradezu perfide Art und Weise. Er weigerte sich einfach wie ein 27er Großmeister zu spielen.

Damit hatte Michael nicht gerechnet und er kam mit dem etwas passiven Aufbau seines Gegners gar nicht gut zurecht. Die Sache hätte ein böses Ende nehmen können.

Aber in diesem Moment bewies Michael, dass er genau wie einst Emanuel Lasker ein ganz großer in Sachen Schachpsychologie ist. Er machte einfach Remis. Wohl wissend, dass Andreas ein friedfertiger Mensch und einer Punkteteilung gegenüber zumeist aufgeschlossen ist. Vor allem, wenn es sich um einen Schwarzenbeker Heimkampf handelt. Bei einem Auswärtsspiel wie im LSV ist der Weg zur nötigen Zigarettenpause ja häufig nur ein paar Meter weit. In der Scharzenbeker Heimstatt, einem Seniorenheim, bedeutet dies aber vier Stockwerke Treppab und dann wieder Treppauf und der Fahrstuhl ist ja zumeist von Rollatorfahrern belegt.

Ganz schön clever!

Debütantenball

Brett 8 Christian Aufenanger - Alva Glinzner 0 - 1

Unsere deutsche Vizemeisterin gab ein beeindruckendes Debüt in der Landesliga. In einer doch sehr unübersichtlichen Situationen warf sie zuerst einen langen, prüfenden Blick auf die Stellung, dann auf den Gegner, um sich anschließend dreist einen Bauern einzuverleiben. Dies führte fast zwangsläufig zu einem gegnerischen Figurenopfer.

Aber war das nicht vielleicht auch durchschlagend? Marco besah sich die Sache mit leichtem Stirnrunzeln und raunte mir zu: „Das sieht aber gefährlich aus.“ Ich nickte nur und verließ leicht aufgeregt den Raum.

Zwei Züge später stürmte Michael Lucas aus dem Spielsaal auf mich zu und rief :“Alva ist verloren, da geht gar nichts mehr.“ Ich ging wieder hinein, um mir selber ein Bild davon zu machen. Doch mittlerweile hatte Alva uns alte Zausel eines Besseren belehrt und den Angriff mit erstaunlicher Leichtigkeit abgewehrt. Sie erzwang den Damentausch, was die sofortige Aufgabe zur Folge hatte.

Dritter Akt

Requiem

LSV II - Doppelbauer Kiel 2,5 : 5,5

Ein absolutes Debakel! Dass der Kampf bei weitem nicht so klar war, wie es das Ergebnis hergibt, macht die Sache ja eigentlich nur noch schlimmer. Die jungen Doppelbauerraner hatten ihre Chancen zumeist eiskalt genutzt, während wir so alt aussahen, wie wir denn auch sind. An dieser Niederlage hatte auch der Berichterstatter seinen gehörigen Anteil.

Auf der Suche nach dem großen Abenteuer.

Brett 7 Julian Rieper - Thilo Koop 1:0

Langeweile ist in, geradezu hipp. In der heutigen hektischen Zeit gilt dieser, lange unterschätzte Gemütszustand, als legitimer Gegenentwurf. Byung Chul Han, einer der neuen Sterne am Philosophenhimmel sieht in der Langeweile einen ebenso unverzicht- wie fruchtbaren Nährboden für die menschliche Kreativität.

Dieses Konzept ist mir eben so einleuchtend wie sympathisch, aber irgendwie muss ich da was falsch verstanden haben.

Jedes Mal wenn mir am Brett langweilig wird passieren sehr seltsame Dinge. Gegen Julian hatte ich durch eine Zugumstellung eine Art von geschlossenem Spanier erreicht. Im Normalfall weiß ich sehr wohl, was da die nötigen Züge oder Pläne sind.

Alles war also vorbereitet, auf ein langwieriges Positionsduell. Aber just in diesem Moment wurde mir langweilig. So beschloss ich mit leichter Hand einen Bauern zu opfern. Kreativ eben!

Allerdings sollte man an dieser Stelle das Wort kreativ vielleicht lieber streichen und durch das Wort schwachsinnig ersetzen. Denn nun hatte mein Gegner einen gefährlichen Freibauern und meine Kompensation entzog sich gänzlich der Bedeutung dieses Wortes.

Wie ist ein solches Verhalten zu erklären? Bei steigendem Alter steigt vielleicht auch der Wunsch nach neuen großen Abenteuern. Das kann im wirklichen Leben durchaus unangenehme Folgen haben. So bin ich bei meinem letzten angestrebten, großen Abenteuer in der Wüste vom Kamel gefallen, was sowohl für meinen Rücken als auch für mein Ego äußerst schmerzhaft war. Zumal, als meine Frau auch noch behauptete, dass die, durch meinen Sturz ausgelöste Erschütterung, zu einem weltweiten seismographischen Ausschlag geführt hätte.

Dann also doch lieber die Suche nach dem Abenteuer auf dem Brett. Hatte nicht schon Joel Lautier gesagt, dass die Bekämpfung der königsindischen Verteidigung von John Nun das letzte große Abenteuer unser Zeit sei?

So befürchte (hoffe) ich, dass mir in Zukunft noch einige Male am Brett so richtig langweilig werden wird.

Vierter Akt

Schmutzige Siege sind die schönsten.

SK Norderstedt II - LSV II 3,5 : 4,5

Duplizität der Ereignisse. Wie gegen Schwarzenbek waren wir haushoher Favorit und wie gegen Schwarzenbek standen wir auch hier mit dem Rücken zur Wand. Nur mit dem Unterschied, dass uns diesmal sogar eine Niederlage drohte. Schließlich konnten wir das Blatt aber noch einmal wenden und den Kampf für uns entscheiden.

Der Sieg war glücklich, unverdient und auf jeden Fall ziemlich schmutzig.

Einfach toll!

Der eiserne Michael

Brett 2 Torsten Bührmann - Michael Ehrke 1/2 : 1/2

Es steht 4:3 für uns. Ein halber Punkt fehlt noch zum Sieg. Aber die Sache sieht für unsere Mannschaft schlecht aus. Es fehlt ein Bauer und die Stellung sollte nicht zu halten sein. Was kann einem als Mannschaftsführer besseres widerfahren, als dass Michael Ehrke derjenige ist, der für uns die Steine in einer solchen Situation führt.

Je länger die Partie dauert, umso stärker wird er. Aus der Eröffnung war er nicht gut herausgekommen. Lange versuchte er vergeblich eine Schwäche zu verteidigen. So aber entstand ein Turm Springen Endspiel, in dem Michael ja nicht nur einen Bauern weniger hatte, sondern alle seine anderen Bauern auch noch einen schwachen und kränklichen Eindruck machten. Wie von Zauberhand gelang es ihm aber, seinen Turm, seinen Springer und seinen König so mächtig und aktiv auf das Brett zu werfen, dass sein bedauernswerter Gegner gar nicht anders konnte als einer Zugwiederholung zuzustimmen.

Einfach beeindruckend. Wie macht man so etwas.? Wenn ich mal groß bin will ich das auch können.

Wie aus dem Nichts.

Brett 5: Michael Lucas - Herbert Nachtkamp 1 : 0

Auf dem Brett war eine für beide Seiten gesunde, positionelle Stellung entstanden. Man richtete sich schon auf ein langwieriges Lavieren und auf das Verwerten von vielleicht entstehenden mikroskopisch kleinen Vorteilen ein.

Doch in diesem Moment zog Michael keck einen Bauern nach vorne und nur wenige Züge später glich die Stellung des Norderstedters einem Trümmerhaufen. Was war da schief gelaufen? Auch bei der nachträglichen Analyse wussten beide Seiten nicht was der Schwarze eigentlich falsch gemacht hatte.

Diese Partie ließ in mir erneut einen Verdacht aufkommen, den ich schon seit geraumer Zeit hege. Vielleicht hat sich Steinitz ja geirrt. Vielleicht gibt es Stellungen, in denen Kombinationen einfach wie aus dem Nichts entstehen, sozusagen göttlichen Ursprungs sind. In dem sie also mit dem, was vorher in der Partie passiert ist, nicht das geringste zu tun haben.

Ich gebe zu, dass dies ein ziemlich ketzerischer Gedanke ist, der mir einen längeren, ja vielleicht sogar ewigen Aufenthalt im sachlichen Fegefeuer garantiert, aber trotzdem möchte ich daran festhalten und nicht widerrufen.

Aber wie dem auch sei, eine Sache steht unbestritten fest. So oder so, muss man die Kombination dann eben doch auch erst mal finden. Chapeau Michael.

Self fulfilling Prophecy

Brett 6: Hubert Wegemund - Thilo Koop 0 : 1

Ups, das hatte ich ja völlig übersehen! Die Rede ist von einer hübschen, taktischen Opferwendung meines Gegners, die dafür sorgte, dass ich einer Qualität und eines Bauern verlustig wurde. Zu allem Überfluss taumelte mein König auch noch ziel- und schutzlos umher.

Die Sache war hoffnungslos, aus und vorbei. In diesem Moment beschloss ich mir nichts anmerken zu lassen und versuchte meinen Gegner durch ungewöhnliche, bedrohlich aussehende aber im Grunde genommen an jeglicher Substanz mangelnden Züge zu verwirren. Jan Timman bezeichnete in seinem ausgezeichneten Buch „Chess, the adventourus way“, eine solche Taktik als inspired nonsens.

Der Plan ging auf. Gleich den ersten dieser Züge hatte Hubert offenkundig nicht gesehen. Das war ja eigentlich gar kein Problem, denn die Stellung war immer noch gewonnen. Aber ich hatte Hubert ins Grübeln gebracht und er versuchte immer hektischer werdend und unter erheblichem Materialeinsatz meinen König zur Strecke zu bringen. Als ihm dies nicht gelang, fand er sich in einem verlorenen Endspiel wieder.

Vielleicht war dieses Ende aber auch nur der logische Schluss dessen, was sich vor der Partie ereignet hatte. Ich saß bereits am Brett, als Hubert in den Raum kam, mich sah, erschauerte und sagte: „Ach, gegen dich habe ich überhaupt keine Lust zu spielen Thilo.“ „Aber wieso denn das Hubert?“, wunderte ich mich. „Naja, mit dir hab ich doch nur schlechte Erfahrungen gemacht.“

Die Pointe ist natürlich nicht schwer zu erraten. Als Hubert mir die Hand zur Aufgabe reichte, fügte er hinzu: „Ich habe doch gesagt, dass ich mit dir nur schlechte Erfahrung mache.“

Fünfter Akt

Der Stand der Dinge

LSV II - Elmshorn 5,5 : 2,5

EImshorn war nur zu siebt erschienen und auch ansonsten war der Kampf eine recht einseitige und unspektakulär Angelegenheit.

Der Möglichkeiten sind (zu) viele

Brett 3: Wolf Reimer - Birger Ivens 1:0

Die meisten kennen sicherlich das Buridansche Paradoxon des Esels, der sich zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen befindet, sich nicht entscheiden kann und eines jämmerlichen Hungertodes stirbt. Beinahe wäre es Wolf in seiner Partie gegen Birger ähnlich ergangen.

Wie gesagt Elmshorn war nur zu siebt erschienen und so sackte Michael Ehrke nach einer Stunde einen kampflosen Punkt ein.

Aber schon nach wenigen Zügen war die eigentliche Frage, die sich stellte, ob dies denn wirklich die erste Niederlage für unsere Gäste werden würde. Denn Wolf hatte sich schon aus der Eröffnung heraus eine hoch überlegene Stellung, mit gewaltigem Entwicklungsvorsprung erarbeitet. Dies könnte unter Umständen daran gelegen haben, dass sein Gegner eine Wette abgeschlossen hatte, dass es ihm gelingen würde, während der Partie seine Dame auf alle 64 Felder das Schachbretts einmal zu packen. Nun aber erging es Wolf wie im mittelalterlichen Gleichnis.

Unzählige verlockende Varianten kamen zum Vorschein. Manche von ihnen verschmähte er aus gutem Grund, andere hätten vielleicht zu einem kurzen Sieg geführt. So aber zog sich die Partie bis über die Zeitkontrolle hinweg. Am Ende behielt Wolf dann doch die Oberhand, benötigte hierfür dann aber sogar noch die Mithilfe seines Gegners.

Schach und Dickdarm

Brett 6: Thilo Koop - Torsten Noldt 1/2 : 1/2

Der berühmte kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan, der schon in den sechziger Jahren geradezu prophetische Aussagen über unser heutiges digitale Zeitalter getätigt hatte, sah in allen menschlichen Fortschritten und Errungenschaften eine Ausweitung des menschlichen Körpers.

So war für ihn das Rad eine Ausweitung des menschlichen Fußes, das Buch eine Ausweitung des menschlichen Auges und das Schaltsystem eines Computers eine Ausweitung des menschlichen zentralen Nervensystems.

Dies wissend frage ich mich schon seit geraumer Zeit, welchen Körperteil er wohl für das Schachspiel vorgesehen hatte. Seit meiner Partie gehen Torsten Noldt weiß ich es.

Ich hatte Torsten durch eine kleine Zugumstellung in eine mir wohlbekannte Eröffnung gelockt. Dies brachte ihn aber nicht aus der Ruhe und es gelang ihm meine Initiative im Keim zu ersticken. So landeten wir in einem Endspiel, in dem ich, wenn überhaupt, einen minimalen Vorteil mein eigen nennen durfte.

Das klingt alles nicht sehr aufregend und das war es auch nicht. Das bedeutet aber nicht, dass es für die Beteiligten einfach gewesen wäre. Wir saßen stundenlang da, mit verschränkten Armen, gerunzelten Stirnen und gewichtigen Gesichtsausdrücken. Unsere Züge wägten wir sorgfältig ab, verglichen Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken, Nutzen und Kosten und wähnten uns dabei auf dem Pfad der Verheißung der sachlichen Vollkommenheit.

In Wahrheit war es eine ziemlich zähe und träge Angelegenheit. Ich kam mir vor wie eine sinnentleerte amorphe Masse. In diesem Moment durchfuhr es mich. Jetzt wusste ich was McLuhan geantwortet hätte.

Schach ist die Ausweitung des menschlichen Dickdarms. Frisch, intuitiv und inspiriert gespielt ist alles in Ordnung. Man fühlt sich frei und ohne jede Belastung. Ist das Spiel aber geprägt von der Gedankenschwere des Bedenkenträgertums, so verspüren die Beteiligten ein unangenehmes geistiges Völlegefühl, das zu einer unendlichen, bleiernen Müdigkeit führen muss.

Partien, die in einem solchen Umfeld gespielt werden, müssen zwangsläufig Remis enden.

Nach der Partie versichert man sich gegenseitig, dass man nichts falsch gemacht habe. Man habe sinnvolle, korrekte Züge durchgeführt und dabei keine großen Fehler begangen. Eigentlich müsste man wissen, dass das nicht stimmt. Eigentlich müsste man wissen, dass diese Annahme der größte Fehler überhaupt ist. Eigentlich.

Sechster Akt

Wenn der Christ zweimal klingelt

Sft. Bad Segeberg - LSVII 3 : 5

Das Telefon klingelt, ich bin im Keller. Wahrscheinlich verwählt, doch ich bin schneller.

(Helge Schneider)

Freitagmittag vor der Ligarunde, das Telefon klingelt: „Ich habe einen Ausfall. Der Ehtke gehört mir, keine Widerrede.“, höre ich die schneidende Stimme des Christ sagen. Selbstverständlich sollte man jemandem, der freiwillig, ohne Not oder Androhung von Folter, die Ämter des Mannschaftsführers der ersten Mannschaft und des Kassenwartes miteinander vereint, besser nicht in die Quere kommen. Und so versicherte ich Ralf und der ersten Mannschaft meine uneingeschränkte Solidarität und wies noch daraufhin, dass dies ohnehin kein großes Problem sei, da der Hein ja schon in den Startlöchern stünde.

Samstagabend 23:00 Uhr, das Telefon klingelt. Meine Frau guckt mich erschrocken an: „Wer ist denn das jetzt noch? Hoffentlich ist niemand gestorben.“ Ich werfe einen Blick auf die Nummer im Display und antworte: „Nein, die Sache ist viel schlimmer.“

Nach dem folgenden Gespräch in dem meines Erachtens eine Formulierung wie, “der Hein ist mein“ gefallen war, wusste ich, dass wir uns am nächsten Morgen zu siebt auf den Weg machen würden.

Bevor ich aber auf dieses Spiel zu sprechen komme, möchte ich noch kurz eine Begebenheit erwähnen, die sich im selben Raum während des Kampfes zwischen Bad Segeberg II und Quickborn zugetragen hatte und die Wolf Reimer, sehr treffend, als den gespielten Witz umschrieb.

Etwa 15 Minuten nach Beginn des Kampfes enterte, unter einer lauten Schimpfkanonade, ein Quickborner Nachzügler den Spielsaal. Dem Vernehmen nach hatte er sich zwar rechtzeitig dem Gebäudekomplex des städtischen Gymnasiums Segebergs genähert, wohl aber von der falschen Seite, so dass er lange Zeit vergebens versucht hatte eine offene Tür zu finden, die ihm Einlass gewährt hätte. Immer noch mit der Dezibel eines Airbusses beschwerte er sich bei seinen Mannschaftskameraden, dass er nun seit einer Viertelstunde auf allen ihren Handys versucht habe anzurufen, aber es hätte einfach niemand abgenommen.

Ich empfehle in diesem Fall eine Regelkunde für Fortgeschrittene.

Nun aber zu unserem Spiel in Bad Segeberg. Zu siebt ist die Sache natürlich immer etwas knifflig und der Kampf war auch bis zum Ende hart ausgekämpft, eng und spannend. Erst nach dem Sieg von Alva konnten wir uns sicher sein - Davon aber später mehr.

Die Variante hinter der Variante hinter der Variante

Brett 3: Klaus Besenthal - Jörg Offen 1 : 0

Nach dem Kampf fragte ich Klaus, wie es denn so bei ihm gelaufen wäre. Er gab mir zur Antwort, dass er mit seiner Eröffnung gar nicht zufrieden gewesen sei, er hätte da nichts rausgeholt und fügte dann hinzu: “Wenn ich nun die normale Variante gespielt hätte, wäre es sicherlich Remis ausgegangen. Ich wollte aber unbedingt gewinnen. Da habe ich mich für eine andere Variante entschieden, in der ich meinen Bauer nach a6 zog. Diesen hätte mein Gegner sicherlich erobern können, aber dafür hätte ich den Bauern auf c6 erhalten. Das wäre für mich günstig gewesen. Doch kaum hatte ich dies gespielt, sah ich eine ganz andere Variante, in der mein Gegner seinen Bauern decken und trotzdem meinen erobern konnte. Da hab ich den Bauern gleich kampflos aufgegeben und habe eine ganz andere Variante gespielt, in der ich das Zentrum aufriss und mit meiner Dame und meinen beiden Springern in seine Königsstellung eindrang. Das hat dann gereicht. Ich glaube im Nachhinein, er hätte sich auf diese Variante nicht einlassen sollen.“

„ Auf welche davon?“ fragte ich leicht verwirrt. „Im Grunde genommen auf alle.“

Ich würde sagen, das kann man wohl als Start-Zielsieg bezeichnen.

Prognosen über die Partien von Alva sind schwierig. Vor allem wenn sie das Ergebnis betreffen.

Brett 8: Peter Solar - Alva Glinzner 0:1

Alva pflegt einen sehr unternehmungslustigen und auf jeden Fall unterhaltsamen Schachstil. Ganz augenscheinlich hält sie zudem die Rochade für den meist überschätzten Zug überhaupt. Sie hat gar kein Problem damit, ihrem König einfach mal die Gegend zu zeigen, selbst dann, wenn die gegnerische Streitmacht um ihn herumschwirrt.

So auch in ihrer Partie gegen Peter Solar. Das konnte doch nicht gut gehen. Das musste doch Matt sein. Aber wieder einmal zeigte Alva ihre überragende Nervenstärke.

Sie heimste Turm und Qualität ein. Der Angriff allerdings war nach wie vor sehr gefährlich. Schlug er am Ende vielleicht sogar durch?

Wie einst Michael Lucas in Schwarzenbek ging diesmal Stephan Schiebuhr auf mich zu und sagte: “Alva verliert.“ Doch diesmal war ich vorbereitet und antwortete: „Das glaube ich nicht.“, und machte mich auf den Weg in den Spielsaal. Ich musste zugeben, die Sache sah wirklich sehr brenzlig aus aber genau in diesem Moment fand Alva einen Verteidigungszug, den man vielleicht als faszinierend, fantasievoll, beeindruckend oder schlicht stark bezeichnen würde. Vor allem aber war er eines: extrem cool! Danach gab der Gegner auch gleich auf.

Epilog

Den Aufstieg in die Oberliga können wir uns wohl wirklich abschminken. Was ist nun zu tun?

In einer Zeit, in der die Performance grundsätzlich den Inhalt schlägt, ist die gute alte Beckett Devise „Scheitern, immer wieder scheitern, besser scheitern.“, einfach keine Option mehr. Es gilt auch in der Niederlage ein Narrativ des Erfolgs zu finden.

Als ein gewiefter Mannschaftsführer weiß ich da aber Rat. Wir ändern einfach unser Saisonziel. Das heißt ab sofort: Klassenerhalt!

Das werden wir schaffen! Dieser Meinung sind im übrigen auch der Mannschaftsführer von LSV III, der Genderbeauftragte und der große Vorsitzende.

Roses are red

Lilies are blue

I`m shizophrenic

And I am too

( Bill Murray)